Herr Botschafter Etter, wie definiert sich «Corporate Social Responsibility» aus Ihrer Sicht?

Indem sich Unternehmen verantwortungsvoll verhalten, also den Grundsätzen der «Corporate Social Responsibility» (CSR) nachleben, tragen sie zur nachhaltigen Entwicklung von Gesellschaft und Umwelt bei. Verantwortungsvolles Unternehmensverhalten berücksichtigt die Auswirkungen der unternehmerischen Tätigkeit auf Arbeitsbedingungen, Menschenrechte, Umwelt, Korruption, Wettbewerb.

Unternehmerische Verantwortung hat eine wirtschaftliche, aber auch eine gesellschaftliche Komponente. Welche überwiegt?

Gewinnmaximierung unter den richtigen Rahmenbedingungen ist kein Widerspruch zu Verantwortung.

Beide Komponenten gehen Hand in Hand. CSR kann nicht nur das betriebswirtschaftliche Ergebnis verbessern, sondern leistet auch einen gesellschaftlichen Beitrag. Wirtschaftlich bringt CSR Einsparungen beim Energie- und Rohstoffverbrauch, verbesserte Kreditbedingungen oder Vorteile auf dem Arbeitsmarkt. Gleichzeitig trägt CSR zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen bei, wie etwa beim Fachkräftemangel oder der Klimaerwärmung.

In Zeiten der Gewinnmaximierung war CSR nicht unbedingt populär. Erleben wir einen Sinneswandel bei den Unternehmern?

Gewinnmaximierung unter den richtigen Rahmenbedingungen ist kein Widerspruch zu Verantwortung. Viele Unternehmen legen ein verantwortungsvolles Verhalten an den Tag. Das Bewusstsein für die Bedeutung der Unternehmensverantwortung hat aber in den letzten Jahren zugenommen.

Kann der Bund diese Unternehmen beeinflussen oder gar fördern?

Das CSR-Positionspapier des Bundesrates vom April 2015 zeigt vier strategische Stossrichtungen auf: Erstens wirkt der Bund auf nationaler und internationaler Ebene an der Ausgestaltung von CSR-Rahmenbedingungen mit. Zweitens werden Unternehmen bei der Umsetzung der CSR durch verschiedene Bundesstellen unterstützt. Drittens trägt die Schweiz durch Zusammenarbeitsprojekte zur Stärkung der CSR in Entwicklungs- und Transitionsländern bei, und viertens fördert der Bund die Transparenz über unternehmerische CSR-Aktivitäten.

Welche konkreten Massnahmen sind das?

Die Schweiz hat beispielsweise aktiv an der Aktualisierung der OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen mitgearbeitet. Dabei handelt es sich um ein breit anerkanntes Referenzwerk für die Ziele und Massnahmen eines verantwortungsvollen Unternehmensverhaltens. Die Schweiz wirkt bei weiteren internationalen CSR-Standards mit, etwa für die Rohstoffbranche oder für den Finanzsektor. Weiter vermittelt der Bund Informationen und sensibilisiert Unternehmen für CSR-Themen, beispielsweise in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Netzwerk des UNO-Global-Compact oder durch Internet-Plattformen über nachhaltige Beschaffung oder über berufliche Integration.

Wo stehen die Schweizer Unternehmen beim Thema CSR im internationalen Vergleich?

Schweizer Unternehmen stehen im internationalen Vergleich allgemein gut da. Die bedeutende Anzahl multinationaler Unternehmen mit Sitz in der Schweiz führte dazu, dass CSR bei uns seit längerer Zeit ein Thema ist, mit einem entsprechenden Lernprozess. Auch die meisten kleineren und mittleren Unternehmen handeln verantwortungsvoll.

Kann CSR auch ein Beitrag zur Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit sein?

CSR kann einen Beitrag zum nachhaltigen Bestehen eines Unternehmens leisten. Neben den wirtschaftlichen Vorteilen kann sich ein Unternehmen auf dem wachsenden Markt für Produkte und Dienstleistungen mit besonderen sozialen oder ökologischen Eigenschaften günstig positionieren.

Welche Schritte braucht es in den nächsten zehn Jahren von den Unternehmen?

Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen stehen nicht still. Das Bestehen am Markt wird auch in Zukunft neben stetem Bemühen um Innovation, Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit auch laufende Aufmerksamkeit für die gesellschaftliche Verantwortung der Unternehmenstätigkeit erfordern. Dazu gehört der Dialog mit den verschiedenen Anspruchsgruppen, also Konsumenten und Arbeitnehmern sowie deren Organisationen, Lieferanten, Umweltverbänden. Dies hilft, künftige Entwicklungen zu antizipieren und bestmöglich darauf zu reagieren.