Auf welchen Informationen gründet Ihre Studie zum Fall Glencore, und wie können Sie die Kritik belegen?

Chantal Peyer: Wir haben während mehr als sechs Monaten Feldrecherchen in der Demokratischen Republik Kongo betrieben, gemeinsam mit den lokalen Partnern vor Ort, und dutzende Gespräche mit den Arbeitern, den Bewohnerinnen und Bewohnern der Gemeinden sowie mit den Behörden geführt. Zudem wurden diverse offizielle Dokumente eingefordert und zusammengetragen, um unsere Analyse breit abstützen zu können.

Ihre Vorwürfe sind gravierend. Können Sie dazu ein konkretes Beispiel nennen?

Das grösste Problem liegt darin, dass Glencore einen Teil des Kupfers über verschiedene Zwischenhändler aus dem offenen Steinbruch Tilwezembe bezieht. In dieser Mine arbeiten 1600 Freischürfer von Hand unter unmenschlichen Bedingungen. Ein Drittel dieser Arbeiter sind Kinder bis weit unter 17 Jahren.

Glencore sei für die massive Verschmutzung des Luilu-Flusses in der rohstoffreichen Provinz Katanga verantwortlich. Wie können Sie das belegen?

Wir haben Wasserproben entnommen und analysiert. Die Resultate zeigen, dass Glencore während vier Jahren Schwefelsäure in den Fluss geleitet hat. Der Konzern beteuert, das Problem jetzt gelöst zu haben. Sofern die Lösung von Dauer ist, ist dies ein positiver Schritt. Doch wir fordern, dass Glencore auch den Fluss und seine Ufer dekontaminiert und die betroffene Bevölkerung entschädigt.

Sie stellen auch die Steuerpraktiken von Glencore an den Pranger. Was hat es damit auf sich?

In der Demokratischen Republik Kongo zahlt Glencore rechtmässig Abgaben und Lizenzgebühren. Gemäss unserer Untersuchung umgeht Glencore jedoch die Zahlung der Gewinnsteuern. Wir schätzen, dass damit dem afrikanischen Staat allein in den vergangenen zwei Jahren Steuern und Dividenden in der Höhe von 196 Millionen US-Dollar entgangen sind. Das finden wir alles andere als gerecht.

Gemäss Ihren Aussagen nimmt Glencore die Unter­nehmensverantwortung
noch nicht wahr. Worin aber besteht eine nachhaltige und zukunftsgerichtete Unternehmensstrategie?

Unternehmen müssen nach dem Prinzip «to know and show» handeln, das heisst ihre Probleme anerkennen und Transparenz beweisen. Wenn Unternehmen Verantwortung wahrnehmen wollen, sollten sie sich für einen offenen und regelmässigen Dialog mit der lokalen und betroffenen Bevölkerung engagieren. Ein solcher Dialog braucht Bereitschaft und Zeit: Die Dokumente müssen in die lokale Sprache übersetzt werden, und die Betroffenen müssen sich austauschen können, um gemeinsame Forderungen stellen zu können. Die Unternehmen müssen bereit sein, diese Anliegen anzuhören, auch wenn sie den kurzfristigen Interessen des Unternehmens manchmal entgegenstehen.

In den letzten 10 Jahren haben zahlreiche Unternehmen ihren Hauptsitz in die Schweiz verlegt, ist das nicht positiv?

Diese Firmen tragen in der Tat positiv zur Wirtschaftsentwicklung der Schweiz bei. Es besteht aber ein – auch vom Bundesrat erkanntes – Reputationsrisiko für unser Land, da die Unternehmen von hier aus operieren, ohne den Menschenrechten und der Umwelt in den Entwicklungsländern genügend Rechnung zu tragen. Deshalb hat «Brot für alle» gemeinsam mit mehr als 50 anderen Schweizer Organisationen die Kampagne «Recht ohne Grenzen» lanciert. Sie fordert vom Bundesrat und vom Parlament gesetzliche Bestimmungen, damit Firmen mit Sitz in der Schweiz weltweit die Menschenrechte und die Umwelt respektieren müssen. Unsere Kritik an Glencore zielt exakt darauf ab.