Sie betreiben eine aufsuchende Mileuarbeit, die Frauen auf der Strasse und beim Ausstieg aus der Prostitution begleitet.

Hinter Prostitution verbirgt sich in den meisten Fällen grosses Leid. Mit welchen Schicksalen werdet ihr konfrontiert?

Dorothée: Die Frauen kommen fast ausschliesslich aus sehr armen Ländern und werden zum Beispiel von Freunden, Bekannten oder sogenannten Loverboys mit grossen Versprechungen in die Schweiz gelockt. Loverboys sind Männer, die eine Liebesbeziehung zu einem jungen Mädchen vortäuschen, um es in die Prostitution zu locken. Die Frauen stehen hier mit einem Koffer und mit viel Hoffnung im Gepäck. Doch sie werden schnell ernüchtert. Denn sie bekommen keine Arbeit, können die Sprache nicht, und das einzige, was ihnen leider nur zu oft bleibt, ist die Prostitution. Hier beginnen unvorstellbare Qualen und Demütigungen für die Frauen.

Peter: Man muss sich vorstellen, dass die Prostituierten die Nacht hindurch arbeiten und nicht schlafen können. Sie werden kontrolliert und müssen etwa 10 bis 30 Freier pro Nacht bedienen. Niemand kümmert sich darum, wie es den Frauen geht und wie sie behandelt werden. Das Geld, das sie verdienen, wird ihnen zu einem Grossteil von ihren Kontrollpersonen wieder abgenommen. Hier beginnt dann der Teufelskreis, aus dem es für sie fast ausweglos ist, auszubrechen. Wir begegnen auch jede Nacht Einzelschicksalen. Etwa das der jungen Frau, die eine geschwollene Backe und Zahnschmerzen hat, sich jedoch keine Zahnbehandlung leisten kann.

Ihr habt vor sechs Jahren den Verein Heartwings gegründet. Was ist die Idee dahinter?

Peter: Wir lebten sechs Jahre in Tansania / Ostafrika und arbeiteten bei einem Hilfswerk unter Waisen- und Strassenkindern. Schon dort begleiteten wir unter anderem auch Frauen, die aus der Strassenprostitution aussteigen wollten. Zurück in der Schweiz, absolvierte ich ein Studium in der Fachrichtung Theologie und arbeitete bis zur Ordination fünf Jahre als Pastor in einer Kirche. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich gespürt habe, dass die Leute draus­sen auf der Strasse nicht in die Kirche kommen. Also ging ich weg von der Kanzel, auf die Strasse, wo die Menschen wirklich sind, und rein ins Rotlichtmilieu. Seither sind meine Frau und ich regelmässig auf der Langstrasse unterwegs. Wir gehen auf die Prostituierten zu und versuchen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Die überwiegende Mehrheit der Frauen sind Ausländerinnen und sprechen kein Deutsch. Wie gelingt die Kommunikation?

Dorothée: Die Sprache funktioniert auf einem anderen Kanal. Wir machen unsere Arbeit mit ganzem Herzen und können, aufgrund unserer eigenen Geschichten viele Gefühle und Ängste der Frauen nachvollziehen. Zudem haben wir meist kleine Geschenke, etwa Schoggi oder Rosen dabei. Wir signalisieren den Frauen, dass sie wertvoll und nicht alleine sind und dass sie sich an uns wenden können. Die Frauen erleben tagtäglich so viel Demütigung und sind immer nur am Geben. Dass sie etwas geschenkt bekommen und auch einmal nehmen dürfen, ist für die Frauen sehr wertvoll. Sie fühlen für einen Moment so etwas wie Wertschätzung. Manche kommen später zu uns.

Mit dem Wunsch aus der Prostitution auszusteigen?

Peter: Ja, auch. Die Frauen haben sich oftmals eine sehr dicke Haut zugelegt, um sich zu schützen. Die meisten haben sich wie abgespalten von ihrem Körper und wenn ein Freier sie fragt, sagen sie, dass sie die Arbeit gerne machen. Die Frauen, die wirklich aus dem Milieu aussteigen wollen, kommen zu uns.

Dorothée: Wir helfen dann Schritt für Schritt. Einerseits ist das ganz praktische Hilfe, etwa indem wir ihnen einen Deutschkurs organisieren, andere Wohnmöglichkeiten suchen oder einen Praktikumsplatz beschaffen. Zudem haben die Frauen oft hohe Schulden, wofür wir nach Lösungen suchen. Hier arbeiten wir eng mit Behörden und anderen Fachstellen zusammen. Andererseits sind die Frauen oftmals gebrochen und brauchen Zeit, um die Erlebnisse zu verarbeiten. Erst nach Monaten, in denen sie viele Emotionen durchmachen, tauen sie auf und können wieder arbeiten und in den normalen Arbeitsprozess eingegliedert werden. Die Herausforderung für sie ist es, das «normale» Leben wieder zu erlernen.

Peter: Für uns ist es wunderschön zu sehen, wenn die Frauen am Ende wirklich ein neues Leben beginnen können. Manchmal bleibt der Kontakt und sie berichten uns von ihrer Arbeit oder von ihrer Heirat. Für uns sind diese Erfolgserlebnisse der beste Lohn für unsere Arbeit.