Krank und verängstigt war der kleine Hope

Auf der Suche nach Nahrung irrte er durch die Strassen einer Stadt in Nigeria. Seine Eltern hatten den Zweijährigen verstossen, im Irrglauben, dass es sich bei ihm um einen Hexer handeln würde. Ab diesem Zeitpunkt musste sich der Kleine allein durchschlagen.

Damals war sein Name auch noch nicht Hope. Hoffnung existierte in seinem Leben keine. Diese weckte in ihm erst seine Retterin, eine dänische Entwicklungshelferin. Sie brachte den kleinen Jungen in ein Krankenhaus, gab ihm ein Zuhause und seinen neuen Namen.
 

Viele sogenannte Hexenkinder werden aus der Lebensgemeinschaft ihres Dorfes verbannt.
 

Dubiose Priester

Zehntausende afrikanische Kinder werden Jahr für Jahr von ihrer Familie verstossen oder sogar getötet, weil sie über Zauberkräfte verfügen sollen. Dass ein Kind der Hexerei bezichtigt wird, kann die verschiedensten Gründe haben: Etwa wenn ein Familienmitglied aus unerklärlichen Gründen stirbt, das Baby sehr häufig schreit, der Vater seine Arbeit verliert oder die Ernte kurz nach der Geburt des Kindes schlecht ausfällt.

Verantwortlich für die ungeheuerlichen Anschuldigungen sind oft dubiose Priester, die häufig gleichzeitig einen teuren Exorzismus anbieten. Da sich arme Familien dies nicht leisten können, werden viele sogenannte Hexenkinder aus der Lebensgemeinschaft ihres Dorfes verbannt.

Unglaublicher Überlebensdrang

Fast ein Jahr lang hat der kleine Hope alleine auf der Strasse überlebt und sich von Essensresten ernährt – getrieben von einem unglaublichen Überlebensdrang, der stellvertretend für das Leid in Afrika steht und aufzeigt, dass auch das Unmögliche möglich werden kann. Sein Schicksal ist kein Einzelfall.

Tausenden Kindern in Afrika wird vorgeworfen, über Zauberkräfte zu verfügen. Aus Aberglauben werden sie dann ausgesetzt und verstossen. Als Hope gefunden wurde, brachte man den Zweijährigen in ein Spital. Dort wurde er mit Medikamenten versorgt und erhielt täglich eine Bluttransfusion. Wenn der Kleine wieder zu Kräften gekommen ist, wird er in einem Waisenhaus leben können.

«Rosarote Brille»

Es gibt aber auch kritische Stimmen zu Hopes Schicksal. Das Bild, in dem der Kleine von der dänischen Entwicklungshelferin aufgefunden wird, sei zunächst ein schonungsloses Abbild der Hilfsarbeit, die heute euphemistisch, das heisst beschönigend als «Entwicklungszusammenarbeit» bezeichnet werde, schreibt der deutsche Ethnologe Felix Riedel in einem Beitrag.

In den Medien wolle man solche Bilder oft nicht mehr sehen, weil man dunkelhäutige Menschen nicht als «notorische Hungerleider» stereotypisieren will. Man verlege sich darauf, alles durch eine «rosarote Brille» zu betrachten und vorhandenes Leid zu übersehen.

Das sei mit Bestimmtheit die falsche Reaktion, so Riedel. Dass das Bild von Hope weltweit Aufsehen erregte, könne aber auch daran liegen, dass der «weisse Westen» sich in einer Position spiegelt, die unter dem Strich unwahr ist.

Die weisse Frau füttert das arme schwarze Kind. Tatsache sei indes, dass wir «Weissen» in aller Regel nicht Kindern in Afrika Nahrung geben, sondern Bodenschätze und Fischgründe in Eigeninteresse und ohne Rücksicht auf Verluste ausbeuten.
 

Auch in Europa würden Kinder misshandelt, landen oft in ungeeigneten Pflegefamilien oder in Heimen.
 

Daraus werde allerdings nicht auf einen generell unmenschlichen und grausamen Zustand geschlossen, wie das beim Schicksal von Hope der Fall war.

INFO

Als Hexenkinder werden in der Demokratischen Republik Kongo, Nigeria, Togo, Tansania und anderen afrikanischen Ländern Kinder bezeichnet, denen magische Fähigkeiten zugeschrieben werden, mit denen sie angeblich Schadenzauber ausüben sollen.

So stigmatisierte Kinder werden häufig von ihren Müttern ausgesetzt, verfolgt und ermordet. Eine kongolesische Frau hatte 1994 im Durchschnitt 7,27 Kinder. Die Fertilitätsrate war bis 2013 auf 5,93 Kinder pro Frau gesunken.

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