Sie hielten sich letztes Jahr zehn Tage lang in Mosul im Machtbereich des IS auf und waren im direkten Kontakt mit der Terrormiliz. Was hat Sie dazu bewegt, diese risikoreiche Reise auf sich zu nehmen?

Das, was eigentlich jeden Publizisten und Journalisten antreiben sollte: die Wahrheit. Ich kannte Al-Qaida, ich kannte die Kämpfer der syrischen Armee und ich kannte Assad. Ich kannte auch Leute des IS aus dem Jahr 2007. Aber der IS in seiner neuen Verfassung war mir noch unbekannt und ich wollte die Wahrheit über seine Macht herausbekommen. 

Ihr aktuelles Buch befasst sich mit Ihrem Erlebten. Welche Kernaussage enthält es?  

Ich beschreibe den IS und ich beschreibe, dass er wohl die brutalste Terrorarmee der neueren Geschichte ist, die nicht nur Gegner tötet und Unschuldigen den Kopf abschneidet. Sie will auch alle Religionen auslöschen, die nicht abrahamitisch und nicht in ihrem Sinne muslimisch sind. Sie sind die mächtigste Terrororganisation – wahrscheinlich der gesamten Geschichte. Sie bedeuten eine riesige Gefahr für den gesamten Mittleren Osten und für die gesamte Welt.

Wie lässt sich der Erfolg des IS erklären? 

Sie fühlen sich vom Westen aufgrund jahrhundertelanger Ausbeutung des Mittleren Ostens diskriminiert. Ein Netz von globalen Gehirnwäschern hat den jungen Kämpfern eingeredet, dass vor 1400 Jahren prophezeit worden sei, dass jetzt in Syrien die apokalyptische Entscheidungsschlacht zwischen Gut und Böse stattfinden würde. Und dass sie eine grosse Rolle spielen würden – das erste Mal in ihrem Leben. Sie sind militärisch gut trainiert und verbuchen unglaubliche Erfolge. Sie eroberten beispielsweise in kürzester Zeit – 300 Mann gegen 24000 irakische Soldaten – eine Zwei-Millionen-Stadt wie Mosul. Der IS hat in wenigen Monaten ein Staatsgebiet erobert, das so gross ist wie ganz Grossbritannien. 

Der Terror hat auch Syrien fest im Griff. Wie gestaltet sich die aktuelle Situation vor Ort?

In Syrien haben die IS-Kämpfer im Vergleich zum Irak einen schweren Stand. Sie sind zu 70 Prozent Ausländer und dadurch relativ unbeliebt. Aber es gibt zwei Machtfaktoren in Syrien: Der eine ist der IS, der andere ist Assad, der immer noch eine grosse Anhängerschaft hat. Das Ganze ist eine totale Tragödie, weil alle sterben: Es sterben Sunniten, es sterben Schiiten, es sterben Christen. Es ist ein grauenvoller, tragischer Bürgerkrieg. 

Wie erlebt die syrische Bevölkerung den Bürgerkrieg? 

Syrien ist ein wundervolles Land, das ich vor der Revolution oft besucht hatte und das nun am Zusammenbrechen ist. Die Minderheiten, Christen, Aleviten, Schiiten, und auch die sunnitische Mittel- und Oberschicht sehen in Assad ihre einzige Chance. In den ländlichen Regionen und in den Vororten hingegen will die ärmere sunnitische Bevölkerung von Assad nichts mehr wissen. Beide Seiten wollen nichts mehr miteinander zu tun haben, da beide Freunde und Verwandte zu beklagen haben. 

Wer sind die grössten Leidtragenden des Syrien-Konflikts? 

Die gesamte Zivilbevölkerung. In den Krankenhäusern sah ich tragische Schicksale Tür an Tür: Da gab es diese junge Opernsängerin, die von Assad-Soldaten angeschossen worden war. Im Zimmer nebenan lag ein sterbender Soldat und noch eine Tür weiter lag ein schwer verletztes Kind. 

Und wer sind die Nutzniesser dieser ganzen Tragödie? 

Die schmutzigste Rolle spielen die Golfmonarchien Saudi-Arabien und Katar, da sie Waffen in den Konflikt liefern. Es gibt einen veröffentlichten amerikanischen Geheimdienstbericht aus dem Jahr 2006, der auf mehreren Seiten belegt, dass der Westen, die Amerikaner, die Golfmonarchien und die Türkei das Ziel haben, die schiitische Achse – in erster Linie die iranische Vorherrschaft – zu zerschlagen. Aus der Rebellion der demokratischen Aufständischen wurde ein mörderischer Bürgerkrieg gemacht. Assad sollte als wichtigster Verbündeter Irans beseitigt werden. Einen salafistischen Terrorstaat in Ost-Syrien nahm man bewusst in Kauf. 

Rund neun Millionen Syrer sind auf der Flucht. Wie unterstützen Sie die Flüchtlinge aus dem Gebiet? 

Ich habe keine Strategie, sondern versuche zu helfen, wo gerade Not am Mann ist. So unterstütze ich beispielsweise eine Familie in Homs, deren Ernährer bei einer Demonstration durch die Truppen Assads getötet wurde. Mit dem Honorar meines letzten Buches haben wir rund 50 Kindern unter 15 Jahren Arm- und Beinprothesen beschafft. Mit dem Honorar meines aktuellen Buches haben wir zudem 100000 Euro für einen Kinderspielplatz in Gaza eingesetzt und die nächsten 100000 Euro sind für Flüchtlinge aus dem Islamischen Staat vorgesehen. Meine Stiftung lädt auch Kinder aus Syrien und anderen Kriegsgebieten nach Europa ein, wo sie zum Beispiel eine Woche auf einer Berghütte im Südtirol Ferien verbringen und etwas Schönes erleben können. 

Was kann und muss der Westen tun, um den Flüchtlingen zu helfen?

Ich habe in Lampedusa mit eigenen Augen gesehen, was der Westen zurzeit im Mittelmeer macht. Sässen in den Schiffen hochausgebildete Kanadier, Australier oder Amerikaner, würden wir diese mit einem Empfangskomitee begrüssen. Aber es sind halt «nur» Afrikaner und Araber, die man nicht will. Das ist schon ein Stück weit rassistisch. Ich glaube, dass wir nicht allen Flüchtlingen in der Welt Asyl gewähren können, mit einem bestimmten Quotensystem jedoch mehr von ihnen aufnehmen könnten. 

Wie real ist die von Terror-Organisationen ausgehende Gefahr für Europa?

Man darf die Gefahr nie unterschätzen. Doch ich halte den islamistischen Terroralarm, der zum Beispiel in Deutschland in regelmässigen Abständen ausgelöst wird, für politische Panikmache. In Deutschland ist seit der Wiedervereinigung 1990 nicht ein einziger Deutscher von Islamisten getötet worden. Zwischen 1990 und 2013 sind hingegen 184 Deutsche von Rechtsradikalen umgebracht worden. Frankreich wiederum hat einen anderen Hintergrund, da das Land den Algerien-Konflikt nicht verarbeitet hat und noch viel unmittelbarer Hass vorhanden ist. Generell wird die Terrorismusgefahr in Deutschland und in anderen westlichen Ländern kräftig hochgespielt und übertrieben. Der Terrorismus stellt in erster Linie ein Problem für den Mittleren Osten dar. 

Was prognostizieren Sie für die Entwicklung der Syrien-Krise und für die allgemeine Situation im Mittleren Osten? 

Es hängt alles davon ab, ob die USA in irgendeiner Form bereit sind, sich mit allen legitimen Gruppen in Syrien zu arrangieren. Beide Seiten, auch das Regime von Assad, müssen Zugeständnisse machen.