Bern, Januar 2018, in einem Café, Gespräch mit Ruth. Wir sprechen über ihre Herbstferien. Sie war in den USA und sagt: «Weisst du, in Amerika fühle ich mich nicht behindert.» Sie nennt dieses Gefühl Zugehörigkeit. Wir nennen es «Inklusion».

Was ist Inklusion?

Wir verstehen darunter die selbstverständliche Zugehörigkeit aller Menschen. Auch Menschen mit Behinderungen sollen überall, wo sie wollen, dabei sein können. Bei der Arbeit. In der Politik.

In der Schule. Ruth erklärt: «Ich fühle mich nur behindert, wenn ich etwas tun möchte, es aber nicht tun kann.» In Amerika kann sie mit dem Rollstuhl selbstständig einkaufen, Geld abheben, ins Kino und sogar schwimmen gehen. Sie fühlte sich als Teil der Gemeinschaft. In der Schweiz oft nicht.

Um Ausgrenzung zu verhindern, wird Integrationsarbeit geleistet. Beispiel: Ein Unternehmen integriert eine blinde Übersetzerin und stellt ihr die nötigen Hilfsmittel bereit, zum Beispiel ein Vorleseprogramm für den Computer. Wir integrieren Menschen an einem Ort, zu dem sie ohne zusätzliche Hilfe keinen Zugang hätten.

Was wäre, wenn es keine Barrieren mehr gäbe?

Ein Unternehmen hat zum Beispiel bereits alles, was eine blinde Person zum Arbeiten braucht. Dann muss diese Person nicht integriert werden. Sie kann sich bewerben wie alle anderen auch. Sie kann selbstverständlich mitten unter uns sein. Wenn wir einen solchen Zustand erreicht haben – dann haben wir Inklusion erreicht.

Wozu Inklusion?

Damit alle selber bestimmen können, wie sie leben möchten. Damit sich alle als Teil der Gesellschaft fühlen können. Die Teilhabe am Leben, arbeiten und politisch sein zu können, sind Menschenrechte. Wir sind verpflichtet, Inklusion zu bieten. Machen wir nicht schon genug? Nein. Wieder zu Ruth. Sie ist auf Stellensuche. Ruth ist Informatikerin. Ihre letzte Anstellung war befristet.

Damit Ruth arbeiten kann, muss das Büro im Erdgeschoss liegen oder ein Lift vorhanden sein. Die Türen müssen breit genug sein und auf die Toilette sollte sie auch können. Ruth kann nicht frei wählen, auf welche Stellen sie sich bewerben will. Und viele Betriebe sehen in ihr eher eine Last als eine Bereicherung. Ruth ist nicht mitten unter uns.

Was tun wir?

Wir, das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen (EBGB), setzen uns für Inklusion ein. Unser aktuelles Schwerpunktprogramm lautet «Arbeit».

«Ich möchte Teil der Gesellschaft sein. Ich will selber bestimmen, wie ich leben möchte.»

Wir unterstützen Projekte und Unternehmen, die inklusive Rahmenbedingungen schaffen. Das heisst, die Arbeitsumgebung ist so gestaltet, dass Menschen mit Behinderungen arbeiten können.

Dazu müssen Barrieren abgebaut werden. Dazu braucht es technische Hilfsmittel, flexible Arbeitszeiten, Teilzeitbeschäftigung, barrierefreie Arbeitssoftware, einen kooperativen Führungsstil. Wenn ein Unternehmen so weit ist, können sich Menschen mit Behinderungen unter gleichen Bedingungen wie alle anderen bewerben. Man kann sie normal anstellen.

Und sie können normal arbeiten. Mit solchen Rahmenbedingungen signalisiert ein Unternehmen: Wir sind offen. Wir haben ein Potenzial zur Vielfalt. Wir setzen uns für alle ein. 

Was können Sie tun?

Seien auch Sie offen. Das ist übrigens ein Tipp von Ruth. Inklusion braucht nicht viel – aber es braucht ein Mitdenken von allen. Nur gemeinsam kann Inklusion entstehen.

Wenn Sie auf Ihre Umgebung achten, wird Ihnen plötzlich vieles bewusst. Vielleicht stellen Sie beim nächsten Einkaufen fest, dass ein Rollstuhl in der Warteschlange zur Kasse gar nicht Platz hätte.

Oder beim Kinobesuch, dass Treppenstufen in den Saal führen. Dass Sie im Hallenbad selten jemand mit einer Behinderung antreffen. Oder, dass der Geldautomat so hoch oben ist, dass es unmöglich ist, sitzend im Rollstuhl Geld abzuheben. Inklusion beinhaltet viele verschiedene Aspekte. In den folgenden Artikeln sind diese auf unterschiedliche Weise beschrieben. Ich wünsche Ihnen eine spannende Lektüre.