Sie sind vor bald 20 Jahren an Multipler Sklerose erkrankt. Wie geht es Ihnen heute?

Heute bin ich sehr auf Hilfe angewiesen. Zwar hat die Krankheit einen langsamen Verlauf genommen. Es wurde aber von Jahr zu Jahr immer schwieriger, ohne fremde Hilfe auszukommen. Die Spitex brauche ich jetzt am Morgen und am Abend, weil ich nicht mehr alleine aufstehen und zu Bett gehen kann. Da ich alleine lebe, habe ich eine Alarm-Uhr und das Telefon steht direkt neben dem Bett. So kann ich jederzeit Hilfe rufen, bei meinem Bruder oder bei Nachbarn.

Was ging in Ihnen vor, als Sie mit der Diagnose MS konfrontiert wurden?

Das war ein Schock. Vor allem, als ich die Gesichter der Ärzte gesehen habe. Oder als ich gemerkt habe, wie Freunde und Bekannte darauf reagiert haben. Ich selber kannte die Krankheit damals nicht und musste mich zuerst damit vertraut machen.

Wie gehen Sie heute damit um?

Ich mache viel Mentaltraining und habe mich genau über die Krankheit informiert, indem ich viel darüber gelesen habe. Zudem habe ich heute einen intensiven Kontakt zur MS-Gesellschaft. Wenn es mir gut geht, versuche ich einfach den Tag so weit wie möglich zu geniessen. Quasi so, als wäre die Krankheit gar nicht da.

Ist es überhaupt möglich, eine so schwere Erkrankung mit ungewissem Ausgang zu akzeptieren?

Nein, akzeptieren kann ich die Krankheit bis heute nicht. Ich habe aber gelernt, sie anzunehmen. Das hat Jahre gedauert und war alles andere als einfach. Wenn ich zwischendurch Mühe habe oder es zu einem Rückfall kommt, dann sage ich mir immer, dass es Leute gibt, denen es noch schlechter geht.

Haben Sie im Laufe der Jahre gelernt, nicht nur die Defizite zu sehen, sondern auch die verbliebenen Kräfte und Ressourcen?

Ganz klar, ja. Ich sehe heute trotz der Krankheit viele schöne Dinge im Leben. Und ich lebe nicht nur in der Erinnerung, sondern sehe auch eine Zukunft vor mir. Wenn auch eine ungewisse. Zudem ist es mir wichtig, dass ich auch immer wieder etwas unternehme. Vor fünf Monaten war ich alleine sieben Wochen auf Teneriffa. Ich konnte dort Pflegepersonal mieten und habe wunderbare Menschen kennen gelernt.

Was schränkt Sie heute im Alltag am meisten ein?

Das Bewegen der Arme bereitet mir im Moment grosse Mühe. Trotzdem erledige ich meine private Buchhaltung alleine. Um auch die Rechnungen selber bezahlen zu können, habe ich E-Banking gelernt. Trotz meiner Krankheit bin ich tagsüber oft mit dem Rollstuhl in der Stadt unterwegs und kann auch alleine einkaufen. Auch mit den Mahlzeiten gibt es kaum Probleme. Wenn ich mir selber etwas zum Essen bereite, wärme ich Fertiggerichte auf. Manchmal kochen auch Freunde für mich.

Was gibt Ihnen trotz der Krankheit Hoffnung?

Ich bin ganz einfach gern unter Leuten. Ich habe auch immer noch Kontakt zu Freunden von früher, als ich noch arbeiten konnte. Mein grösster Wunsch oder Traum ist es, dass ich irgendwann wieder auf den eigenen Beinen stehen kann. Nicht um zu laufen. Aber einfach stehen. Wenn ich mir das vorstelle, dann geht es mir gut.