Machtlos stehen wir einer immensen Flüchtlingskrise gegenüber – Lösungen sind in weiter Ferne. Wie kann den Millionen von Flüchtlingen Ihrer Meinung nach am besten geholfen werden?

Ganz klar vor Ort! Wir müssen den Menschen vor Ort in den Flüchtlingscamps helfen. Die Willkommenskultur, die in einigen Ländern Europas zelebriert wurde, hat nicht funktioniert.

Wir dürfen nicht zulassen, dass aus diesen Menschen und insbesondere den Kindern eine verlorene Generation wird

Flüchtlinge, die sich mit grossen Hoffnungen auf den Weg nach Europa gemacht haben und dann an den Grenzen nicht mehr weitergelassen werden – das ist ein Drama! Umso wichtiger ist es, dass Gesellschaft und Politik mehr in die Vor-Ort-Hilfe investieren, damit den Menschen in ihrem Kulturkreis geholfen werden kann!

Es muss verhindert werden, dass sich die Flüchtlinge auf die gefährliche Reise nach Europa aufmachen. Kommt hinzu, dass es rund 20 bis 30 Mal günstiger ist, einen Flüchtling vor Ort zu unterstützen, als in Europa. Dazu müssen wir bessere Lebensbedingungen vor Ort schaffen.  

Auch, damit die Menschen in der Lage sind, ihr Land später wieder aufzubauen.

Genau, das ist ein wichtiger Punkt. Wir dürfen nicht zulassen, dass aus diesen Menschen und insbesondere den Kindern eine verlorene Generation wird. Die unsichtbaren Auswirkungen und die Spätfolgen, die solche Konflikte auf Kinder haben, sind gewaltig.

Wir laufen Gefahr, eine ganze Generation zu verlieren, weil sie sich, jeglicher Hoffnung und Zukunftsperspektiven beraubt, in Selbstzweifel und Hass verlieren. Umso wichtiger ist es, den Kindern und Jugendlichen den Zugang zu Schul- und Berufsbildung zu ermöglichen, damit sie später in der Lage sind, ihr Land wieder aufzubauen.

Bildung ist einer der wichtigsten Eckpfeiler in der Flüchtlingshilfe.

Diese Kinder sind so wissbegierig und möchten unbedingt zur Schule gehen. Es gibt ihnen eine Struktur in den Tag und verschafft ihnen ein kleines bisschen Normalität.

Zudem fallen Kinder, die jahrelang nicht zur Schule gehen, die in Armut aufwachsen und in den Aufnahmeländern diskriminiert werden, leichter den Versprechungen von Fundamentalisten zum Opfer. Das müssen wir unbedingt verhindern!

Für viele Flüchtlinge aus Syrien ist der Libanon Endstation. Mehr als 1,5 Millionen Menschen harren dort aus. Wie erleben Sie die Situation im Libanon?

Der Libanon hat pro Kopf so viele Flüchtlinge aufgenommen wie kein anderes Land: Auf rund 4,5 Millionen Einwohner kommen etwa 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge. Hinzukommen etwa eine halbe Million palästinensische Flüchtlinge, die bereits seit Jahrzehnten im Libanon leben.

Für ein so kleines Land ist diese Situation kaum zu bewältigen. Das Land steckt in einer wirtschaftlichen Misere, es gibt kaum Arbeit. Viele syrische Flüchtlinge, darunter auch zahlreiche Kinder, arbeiten zu Dumpingpreisen und nehmen damit den Libanesen die Arbeit weg. Das führt wiederum zu Konflikten.

Sie unterstützen mit Ihrer Organisation Flüchtlingscamps im Süden Libanons. Wie ist die Situation in den Camps?

Im Gegensatz zu Jordanien oder der Türkei gibt es im Libanon keine offiziellen Camps für syrische Flüchtlinge. Man trifft im ganzen Land auf kleinere Zeltstädte. Die Menschen leben unter schlimmsten Bedingungen.

Die Zelte, meist undicht, sind rund 15 Quadratmeter gross und darin hausen 10 bis 20 Personen. Es fehlt an allem: es gibt kein Bett, keine Küche, keine sanitären Anlagen. Die Menschen haben kaum Nahrung, es fehlt an Wasser, an Gesundheitsversorgung, an Bildung, im Winter an Wärme. Die Menschen sind resigniert und hoffnungslos.

Sie leben lethargisch in den Tag hinein und in ihren Gesichtern spiegelt sich eine grosse Leere. Viele sind seit fünf Jahren in den Camps und die Situation scheint aussichtsloser denn je. Für diese Menschen geht es Tag für Tag ums nackte Überleben.

Wie erleben Sie die Spenden- und Hilfsbereitschaft bei den Schweizern?

Das Bild von Aylan, dem kleinen Jungen, der bei der Flucht übers Mittelmeer sein Leben verlor, war sicherlich ein Schlüsselmoment, der viele Menschen aufgerüttelt hat. Ich erlebe eine grosse Hilfs- und Spendenbereitschaft bei den Schweizern. Ich denke das hat damit zu tun, dass wir Menschen vor Ort helfen.