«Kinder in alkoholbelasteten Familien sollen über die Auswirkungen der Alkoholkrankheit aufgeklärt werden», sagt Manuela Perrinjaquet von der Churer Beratungsstelle beim Blauen Kreuz. «Ganz wichtig ist auch, ihnen klarzumachen, dass sie auf keinen Fall Schuld an der Alkoholerkrankung ihrer Eltern haben.» Alkohol in der Familie heisst für die Betroffenen, insbesondere für Kinder und Jugendliche, ein bitterer Alltag. Zwar entwickeln nicht alle Kinder aus alkoholbelasteten Familien eine Verhaltensstörung oder Alkoholabhängigkeit, doch sind in der Schweiz gemäss einer Schätzung von «Sucht Schweiz» mehrere zehntausend Kinder von der Problematik betroffen. Rund ein Drittel von ihnen läuft Gefahr, später selber eine Abhängigkeitserkrankung zu entwickeln. «Bei alkoholabhängigen Eltern dreht sich meist alles um den Alkohol. Sie nehmen die Kinder kaum mehr wahr», sagt Perrinjaquet. «Trinkt nur der Vater, so nutzt die Mutter die verbleibenden Kräfte vor allem für das Funktionieren der Familie im Alltag und das Aufrechterhalten der Fassade einer intakten Familie nach aussen.» Oft übernehmen die Kinder Verantwortung und kümmern sich um die Eltern. Sie räumen auf, kochen und gehen einkaufen. «Sie sorgen dafür, dass niemandem etwas auffällt, denn sie lieben ja ihre Eltern.»

Schweigen aus Loyalität

Obwohl gegen aussen und innerhalb der Familie ein Tabu: Die Kinder merken meist, dass etwas nicht stimmt. Manuela Perrinjaquet erlebt es oft, dass es ihnen Erleichterung bringt, wenn sie in einem geschützten Rahmen wie einer Kindergruppe über die Probleme zuhause reden können, wenn ihre Ängste, Sorgen und Schamgefühle ernst genommen werden. Gegen aussen schweigen sie meist aus Loyalitätsgründen den Eltern gegenüber. Sie wollen sie nicht «verraten». Auch wenn es nicht zu Gewalt in der Familie kommt, leiden die Kinder, weil sie nie wissen, wie die Mutter oder der Vater «drauf» ist. Oft werden sie mit Versprechungen vertröstet, welche die Eltern nicht einhalten können. Viele haben Angst, die Eltern könnten wegen des Alkohols krank werden. «Manche Kinder glauben auch, sie müssten dafür sorgen, dass der Vater nicht mehr trinkt», sagt Perrinjaquet.

Spezifische Beratungsangebote

Ihnen muss deshalb rechtzeitig geholfen werden. Dafür gibt es neben dem Blauen Kreuz Graubünden zahlreiche private und staatliche Beratungsstellen. Bleiben Kinder bis zum Erwachsenenalter unbehandelt, besteht die Gefahr, dass sie selber suchtkrank werden oder an anderen psychischen Problemen leiden. Auch Angehörige, Verwandte oder Freunde können helfen. Wichtig ist, dass man Heranwachsende altersgerecht anspricht und ihnen zu verstehen gibt, dass man für sie da ist, wenn sie Hilfe benötigen. «Sinnvoll ist auch, wenn man alkoholbelastete Familien darauf aufmerksam macht, dass es spezifische Beratungsangebote gibt», rät Perrinjaquet. Auf keinen Fall sollten betroffene Familien verurteilt werden. «Vorurteile und Vorwürfe sind definitiv fehl am Platz, denn die Scham- und Schuldgefühle sind bei den Betroffenen ohnehin gross genug.» Als Erwachsener sollte man sich im Übrigen immer bewusst sein, dass man für die Kinder Vorbild ist. Wenn diese sehen, wie der Vater nach der Arbeit zur Entspannung trinkt oder dass die Mutter, wenn sie traurig ist, zum Glas greift, sind das Verhaltensmuster, welche die Kinder übernehmen könnten. Und wenn in geselliger Runde reichlich Alkohol getrunken wird, können sich Heranwachsende fragen, weshalb sie das später nicht ebenso machen solten.