Gehörlose und hörbehinderte Kinder wachsen gewissermassen in zwei Welten auf: Der Welt der Gehörlosen und derjenigen der Hörenden. In den allermeisten Fällen kommen gehörlose Kinder nämlich in einer Familie mit hörenden Eltern zur Welt. Gemäss heutigem Stand der Forschung muss folglich alles getan werden, damit das Kind diese beiden Welten so früh wie möglich entdecken und mit ihnen problemlos interagieren kann. Bilingualität in der Form von Gebärdensprache und Lautsprache scheint heute der einzige Weg zu sein, um gehörlosen Kindern eine optimale Entwicklung ihrer Fähigkeiten und die Zugehörigkeit zu beiden Welten zu ermöglichen.

Talente gezielt fördern
«Bereits in der Grundausbildung über zwei Sprachen zu verfügen, fördert das Sprachverständnis, die Allgemeinbildung und die Sozialkompetenz», sagt Roland Hermann, Präsident des Schweizerischen Gehörlosenbundes SGB-FSS. Zwei Sprachen garantieren später in der Berufslehre, an der Universität oder am Arbeitsplatz Selbstbestimmung statt Abhängigkeit vom Sozialstaat. Derzeit liegt die Hochschulquote von Hörbehinderten in der Schweiz bei lediglich drei Prozent. «Der bilinguale Weg fördert die Talente hörbehinderter Menschen. Für Chancengleichheit etwa im Studium und beim Berufserwerb braucht es aber mehr Gebärdensprachdolmetschende», fordert Hermann. Was künftige Fördermassnahmen betrifft, zeigt er sich optimistisch: Bereits heute seien bilinguale Konzepte im Schulbereich erfolgreich implementiert worden und hätten bewiesen, dass sich Gebärden-, Laut- und Schriftsprache nicht gegenseitig ausschliessen.

Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse
Um Menschen mit einer Hörbeeinträchtigung bessere Chancen zu ermöglichen, bekennt sich der Gehörlosenbund deshalb dezidiert zum Früherwerb der Bilingualität. «Der gleichzeitige und gleichwertige Erwerb von Gebärdensprache und gesprochener Sprache ist die optimale Grundlage auf dem Weg zu einem selbstbestimmten Leben von gehörlosen und hörbehinderten Menschen», betont Hermann. Bilingualität stehe für Offenheit, Respekt und Verantwortung. Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse attestieren dem bilingualen Spracherwerb denn auch beste Voraussetzungen für ein gleichberechtigtes Leben in der Gesellschaft. Unterstützt wird der bilinguale Spracherwerb unter anderem durch den Einsatz von verschiedenen visuellen, auditiven, technischen und manuellen Hilfsmitteln wie etwa Hörgeräten oder dem Cochlea-Implantat CI, einer technisch ausgereiften Hörhilfe für Menschen, denen herkömmliche Hörgeräte wenig oder keinen Nutzen bringen. Die Selektion der Hilfsmittel zur Unterstützung des Erwerbs der gesprochenen Sprache erfolgt nach den individuellen Bedürfnissen der Betroffenen. An der Diagnose Gehörlosigkeit und Hörbehinderung ändert sich indes nichts. «Umso wichtiger ist deshalb der bilinguale Spracherwerb. Die Gebärdensprache und die gesprochene Sprache bieten gehörlosen und hörbehinderten Menschen eine optimale Voraussetzung für die Entwicklung ihrer Kommunikationsfähigkeit und ihrer vollen kognitiven, sozialen und emotionalen Entfaltung», so Hermann.

Gleiche Rechte und Chancen
In der Schweiz leben rund 10 000 gehörlose Menschen. Damit verbunden ist eine Beeinträchtigung, die sich stark bemerkbar macht. Daraus wiederum resultieren soziale Probleme, die das Leben dieser Menschen noch schwieriger machen, als es ohnehin schon ist. Der Schweizerische Gehörlosenbund engagiert sich deshalb als Dachorganisation der Gehörlosen und Hörbehinderten für eine adäquate Selbsthilfe unter dem Leitmotto «Gleiche Rechte und Chancen für Gehörlose und Hörbehinderte in Bildung, Beruf, Gesellschaft und Kultur».