Inwiefern ist Cybermobbing für Sie ein ernst zu nehmendes Thema?

Neben all den Chancen und Möglichkeiten, welche neue Medien bieten, gibt es auch Schattenseiten. Cyber­mobbing ist eine für die Betroffenen massive Erfahrung und sicher eines der gravierenden Phänomene in der Welt des Internets. Hier braucht es ein starkes Engagement für die Prävention, aber auch Hilfsangebote für Betroffene. Wir unterstützen daher Kinder und Jugendliche in der Prävention und helfen in Notsituationen über die Notrufnummer 147.

Was muss man sich unter Cybermobbing konkret vorstellen?

Cybermobbing ist wie klassisches Mobbing ein absichtsvolles und systematisches Handeln zur Blossstellung und zum Schikanieren der Betroffenen durch eine Gruppe anderer Personen. Beim Cybermobbing kommt das aktive Nutzen digitaler Medien wie Handy oder Social Network Sites dazu. Cybermobbing kann stattfinden, sobald die Betroffenen online sind und macht deshalb keinen Halt vor der Haustüre. Zudem können die verletzenden Inhalte rasch eine gewisse Öffentlichkeit erhalten. Cybermobbing reicht von imitierten Profilen mit gefälschten anzüglichen Fotos bis zum Zusammenschluss ganzer Gruppen in Facebook zum Zweck des systematischen Schikanierens von Betroffenen anhand von Verleumdungen und dem Streuen von Gerüchten.

Gibt es verlässliche Zahlen darüber, wie viele Kinder und Jugendliche davon betroffen sind?

Aktuelle Studien gehen von 14 Prozent der Kinder aus, die von Cybermobbing im eigentlichen Sinne betroffen sind. Oft sind die Grenzen zwischen Spass, unangenehmen Situationen und Cybermobbing fliessend. Gerade wegen dieser Grenzbereiche ist das Phänomen in seiner Breite schwer zu fassen. Klar ist, dass Cybermobbing für die Betroffenen starke negative Folgen haben kann. Viele unter ihnen kennen solche Situationen aus dem Alltag, sind also beispielsweise in der Schule, aber auch in Social Network Sites davon betroffen. Neben vermeintlich harmlosen Reaktionen wie Traurigkeit, Ängstlichkeit und vermindertem Selbstbewusstsein können auch Depressionen oder Suizidgedanken die Folge sein.

Wie gehen Sie konkret vor, wenn sich Opfer an die Notrufnummer 147 wenden?

Unsere Mitarbeitenden sind oft die ersten erwachsenen Personen, denen Betroffene die Probleme in Ruhe schildern können. Das Zuhören und Ordnen der Situation ist ein wichtiger Ausgangspunkt für die Kinder und Jugendlichen. Das gemeinsame Besprechen möglicher nächster Schritte und der Blick auf die Zukunft sind dabei wichtige Hilfestellungen. Die Vermittlung an geeignete Beratungsangebote steht oft am Ende solcher Kontakte.

Wie können Sie den Jugendlichen in der Folge wirkungsvoll helfen?

Neben den Beratungsmöglichkeiten bietet «Pro Juventute» auch Angebote im Bereich der Prävention an. Workshops für Kinder, Jugendliche und Eltern vermitteln zielgruppenspezifisch die wichtigsten Aspekte zu Chancen und Gefahren der Neuen Medien und regen zur aktiven Auseinandersetzung mit kompetenter Unterstützung von Moderatorinnen und Moderatoren an. Auf diese Weise wollen wir die Medienkompetenz aller Zielgruppen stärken. Oft kennen Jugendliche viele technische Details, sind sich über ihr eigenes Handeln im Internet aber zu wenig bewusst.

Wie wichtig ist die Zusammenarbeit mit Eltern, Lehrpersonen, aber auch mit den Jugendlichen selber, konkret mit Opfern und Tätern?

Cybermobbing hat oft eine lange Vorgeschichte. Das Zurückholen aus dem Internet und in den Schulalltag hinein kann helfen, dass aktive Mobberinnen und Mobber die Folgen ihres Handelns besser verstehen können.

Sollen Cybermobbing-Übergriffe bei der Polizei angezeigt werden?

Cybermobbing selbst ist nicht ein eigener Straftatbestand, aber viele
Elemente wie das Stehlen und Imitieren eines Facebook-Profils zu Zwecken der Blossstellung oder auch ehrverletzende Inhalte im Internet sind strafbar. Der Schritt, die Vorfälle zur Anzeige zu bringen, ist ein grosser und meist mit einigem Aufwand verbunden. Deshalb ist es wichtig, dass zuvor möglichst gute Beweise gesammelt wurden. Je schwerer sich die Betroffenen beeinträchtigt fühlen und gleichzeitig die nötige Kraft für eine Anzeige aufbringen können, desto eher ist dies auch ein sinnvoller Schritt mit Signalwirkung.