Die Tür geht auf und eine kleine zierliche Frau, gefolgt von Mann und Kindern, betritt den Raum. Sie lächeln, weil endlich jemand ihre Geschichte hören und aufschreiben möchte. Wir setzen uns an einen Tisch. Es gibt Tee und Kuchen. Niemand von ihnen hat jemals eine Schule besucht oder lesen und schreiben gelernt, deshalb muss ein Freund übersetzen.

 «Als die Kinder noch sehr jung waren, lebten wir in der Nähe von Kabul und täglich pendelte ich zur Arbeit in die Drei-Millionen-Stadt», beginnt der Mann seine Erzählung. «Doch mit der Zeit wurden die Strassen mehr und mehr durch die aufkommenden Checkpoints der Taliban blockiert.»

«Ich habe nicht mehr mit der Rückkehr meines Mannes gerechnet»

Er stoppt kurz und atmet tief ein, bevor er fortfährt. «Eines Tages nahmen sie mich mit, verhörten mich und hielten mich tagelang fest. Ich hatte Angst, und meine Frau sass mit den Kindern zu Hause, ohne ein Lebenszeichen von mir.

Als ich wieder freikam, beschlossen wir die gemeinsame Flucht in den Iran. Mit dem Nötigsten ausgestattet, flohen wir illegal über die Grenze. Ein bisschen Geld und Schmuck, mehr hatten wir nicht.»

Acht Jahre lang lebten sie illegal im Iran, bekamen noch zwei weitere Kinder, doch keinem von ihnen war der Schulbesuch erlaubt. Auch eine finanzielle Unterstützung vom Staat gab es nicht. «Als unseren Söhnen eine militärische Ausbildung und die Abschiebung nach Afghanistan drohte, wollte ich zurück in mein Heimatdorf reisen, um die Sicherheitslage zu überprüfen», gesteht der Mann.

«Freunde warnten mich jedoch, da ich von den Taliban gesucht wurde. Deshalb ging ich zurück in den Iran, wurde allerdings von der Grenzpolizei verhaftet und vier Monate lang inhaftiert und zurück nach Afghanistan abgeschoben. Auch der zweite und dritte Versuch, die Grenze in den Iran zu passieren, scheiterten. Man nahm mich fest, schlug und folterte mich über Monate hinweg. Der vierte Versuch gelang. Doch meine Familie war bereits in die Türkei geflüchtet.»

 «Ich habe nicht mehr mit der Rückkehr meines Mannes gerechnet», gesteht die Frau leise, «ich dachte, er sei umgekommen, und um kein Risiko für meine Söhne einzugehen, floh ich eben in die Türkei. Mithilfe meines Cousins fand ich einen Schlepper, der uns mit dem Auto erst nach Teheran, dann über einen 45-stündigen Fussweg bis an die iranisch-türkische Grenze brachte und uns anschliessend in einen Bus nach Istanbul setzte. Dafür verkaufte ich meinen ganzen Schmuck.»

Doch nachdem Mutter und Kinder dort ein Jahr verbracht hatten, stellten sie fest, dass es auch in der Türkei keine Zukunft für sie gibt, und flohen wieder mithilfe eines Schleppers nach Griechenland. «Dieser Schlepper sperrte uns zwei Monate lang ein. Wir hatten kaum Wasser und Brot», erzählt die Frau.

«Das Boot, welches uns nach Griechenland bringen sollte, kenterte und wir wurden von der türkischen Polizei aufgegriffen und für 20 Tage eingesperrt. Statt in ein Flüchtlingslager zu gehen, kaufte ich Tickets nach Istanbul und fand glücklicherweise kurzzeitig einen Job in einer Schneiderei.»

Doch sie wollte weiter nach Italien. «Wir trieben in Todesangst tagelang mit 180 anderen Personen in einem kleinen Boot auf dem Meer herum», erinnert sie sich. «Nachdem uns die griechische Küstenwache aufgriff, wurden wir nach Athen gebracht. Tagelang irrten wir durch Griechenland, fuhren nach Saloniki und wanderten tagelang bis hin zur mazedonischen Grenze. Wir wurden mehrmals von der Polizei aufgegriffen, nächtigten in Flüchtlingslagern und kamen irgendwann völlig erschöpft in Serbien an.»

Von dort aus ging es zu Fuss weiter nach Ungarn, wo sie vorerst in einem Flüchtlingslager lebten und Tee für die Neuankömmlinge vorbereiteten. Eines Tages sprachen andere Flüchtlinge die Frau auf das Foto ihres tot geglaubten Mannes an, welches sie bei sich trug. Denn sie kannten ihn aus einem anderen ungarischen Lager, in das er mittlerweile geflüchtet war.

Nach drei Jahren sahen sich die beiden zum ersten Mal wieder. «Es war wie ein Wunder», gesteht die Frau unter Tränen, «ich dachte, mein Mann sei tot und ich würde ihn nie wieder sehen. Jetzt sind wir endlich wieder vereint und eine richtige Familie.» Gemeinsam gingen sie dann nach Wien. Nun hoffen alle auf eine gemeinsame Zukunft als Familie in Europa.