Gewalt in Partnerschaften ist noch immer ein Tabuthema. «Bestimmt ist die Situation besser als vor 20 Jahren», sagt Eva Glaus. «Aber bei Betroffenen gibt es noch viel Scham.» Glaus ist Psychologin und Mitglied der Geschäftsleitung der Beratungs- und Informationsstelle für Frauen, einer anerkannten Opferberatungsstelle. Seit die «bif» im Jahr 2001 gegründet wurde, ist sie permanent gewachsen. Im Jahr 2012 behandelte sie 1571 Fälle. Rund die Hälfte davon waren Kontakte, die über die Polizei entstanden.

Rechtliche Mittel

«Seit 2007 gibt es im Kanton Zürich das Gewaltschutzgesetz, welches der Polizei als Instrument zur raschen Intervention bei häuslicher Gewalt dient», erklärt Glaus. So kann ein Täter dank Gewaltschutzverfügungen für zwei Wochen weggewiesen werden. Das unterstützt eine De-Eskalation, bietet Sicherheit und ermöglicht eine ruhige Analyse der Situation. Innerhalb von acht Tagen kann eine dreimonatige Verlängerung beantragt werden. Dies muss aber ein Richter verfügen. Kommt es zu einer Wegweisung, informiert die Polizei auch die Beratungsstelle, die dann aktiv wird.
Bestimmte Delikte häuslicher Gewalt sind seit dem Jahr 2004 als Offizialdelikt eingestuft. Wenn die Polizei bei Drohungen oder Körperverletzung interveniert, leitet sie den Fall automatisch an die Staatsanwaltschaft weiter. Auch bei anderen Delikten ist eine Anzeige möglich. «Mittels Anzeige können ein klares Zeichen gesetzt und Grenzen aufgezeigt werden. Doch auf die Opfer kann einiges zukommen», betont Glaus. «Sie müssen erneut aussagen und können neue belastende Momente erleben. Wir informieren die Klientin deshalb genau über den Ablauf eines Strafverfahrens und klären ihre damit verbundenen Erwartungen.»

Ursachen

Häusliche Gewalt ist ein komplexes Problem und kommt in allen sozialen Schichten vor. Gemäss Glaus wirken immer verschiedene begünstigende Faktoren mit. Dazu gehören grosse Machtgefälle zwischen den Geschlechtern durch starre gesellschaftliche Rollenbilder, soziale Faktoren wie die Vernetzung oder Isolation eines Paars sowie individuelle Faktoren wie Stress, Arbeitslosigkeit, beengte Wohnverhältnisse oder finanzielle Probleme. «Alkohol kann Gewalt ebenfalls begünstigen, ist aber nicht Ursache davon», sagt Glaus.
Körperliche Gewalt tritt meist in Kombination mit psychischer Gewalt auf. Doch diese kommt auch in Reinform vor: Ständige Abwertungen, Demütigungen, Beschimpfungen oder eine exzessive Kontrolle über Telefon und Mails sowie totale Isolation sind typische Formen. «Psychische Gewalt ist oft subtil und nicht klar wahrnehmbar», sagt Glaus. «Sie hat aber enorme Auswirkungen auf die Gesundheit, das Wohlbefinden und das Selbstvertrauen. Doch weil sie kaum blaue Flecken verursacht, werden Opfer selten ernst genommen.»

Unterstützung suchen

Wer schnell Unterstützung sucht und findet, kann sich oft leichter lösen. «Und doch gibt es Beziehungen, in denen schon nach sehr kurzer Zeit ein extremes emotionales Abhängigkeitsverhältnis entstand», weiss Glaus. «Wir versuchen dann die Frauen zu stärken, indem wir sie mit ihren widersprüchlichen Gefühlen ernst nehmen. Wir klären ihre Bedürfnisse, vermitteln rechtliche und sachliche Informationen und suchen mit ihnen gemeinsam nach Lösungen. Auch das Wohlbefinden und die Unterstützung der Kinder sind uns sehr wichtig und Thema in den Beratungsgesprächen mit der Mutter.» Denn häusliche Gewalt betrifft auch die Kinder. Wenn sie zu Hause derart viel Unsicherheit und Bedrohung erfahren, hat das Folgen: Lernschwierigkeiten, Verhaltensauffälligkeiten, Depressionen oder Ängste sind Beispiele. «Für Kinder gibt es spezifische Fachstellen, mit denen wir zusammenarbeiten», sagt Glaus.