Weshalb ist der gleichzeitige und gleichwertige Erwerb von Gebärdensprache und gesprochener Sprache (Lautsprache) fundamental für ein selbstbestimmtes Leben von hörbehinderten Menschen?

Nur mit beiden Sprachen können hörbehinderte Kinder sich optimal entwickeln. Die Gebärdensprache ist wichtig für ihre Identität und ihren Zugang zur Kommunikation. Mit dieser Sprache können sie sich identifizieren und frei ausdrücken. Für den Zugang zur hörenden Gesellschaft brauchen aber auch hörbehinderte Kinder die Lautsprache, darum sollten sie sie so früh wie möglich lernen.

Welche Hilfsmittel kommen beim bilingualen Spracherwerb zum Einsatz?

Einerseits Lehrpersonen mit Gebärdensprachkompetenzen und Dolmetscher. Andererseits visuelle Lehrmittel und technische Hilfsmittel wie Hörgeräte und Cochlea-Implantate.

Wie lässt sich die Sprachentwicklung von hörbehinderten Kindern zusätzlich fördern?

Wie alle Kinder entdecken sie die Welt spielerisch und durch Geschichten. Doch ihre Eltern können ihnen keine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen oder im Auto ein «Kassettli» laufen lassen. Hörbehinderte Kinder brauchen visuelle Informationen. Der Schweizerische Gehörlosenbund hat darum die Online-Lernplattform «e-Kids» entwickelt, mit Lernspielen und Geschichten für hörbehinderte Kinder und ihre hörenden Geschwister.

Für eine optimale Kommunikation sollte auch das nähere Umfeld die Gebärdensprache beherrschen. Welche Möglichkeiten bestehen hier für betroffene Familien?

Für Erwachsene bietet der Gehörlosenbund in allen Regionen der Schweiz Gebärdensprachkurse an. Speziell für Familien gibt es zusätzlich Heimkurse. Ein Gebärdensprachlehrer besucht die Familie und unterstützt sie dabei, eine gemeinsame Sprache zu entwickeln. Daneben gibt es viele Angebote, die den Austausch mit Gleichgesinnten zum Zentrum haben. Interessierte können sich bei mir melden oder sich auf unserer Homepage informieren.

Mit welchen Problemen werden hörbehinderte Menschen im Alltag häufig konfrontiert und wie könnte man die Gesellschaft besser darauf sensibilisieren?

Hörbehinderte sind oft von der Kommunikation und damit vom sozialen Leben ausgeschlossen. Dazu gehören im Alltag Lautsprecherdurchsagen, Telefonate, Fernsehsendungen ohne Untertitel und alle Gespräche in Dialekt, im Halbdunkeln oder mit abgewandtem Gesicht. Viele Hörende wissen so gut wie nichts über die Kommunikation mit Gehörlosen. Es wäre wichtig, dass Kinder schon in der Schule über Gehörlosigkeit und Gebärdensprache aufgeklärt werden. Damit zukünftige Architekten ganz selbstverständlich gutes Licht für die visuelle Kommunikation einplanen, und damit jeder weiss, dass er mit Gehörlosen langsam und deutlich Hochdeutsch sprechen kann.