In welcher emotionalen Verfassung sind die Hilfesuchenden?

Es handelt sich häufig um einen Notzustand. Meist stehen sie lange Zeit unter enorm hoher psychischer Belastung, hatten die Notfallnummer schon gespeichert oder die Adresse der Hilfestelle mit sich getragen.

Gibt es Zeiten, in der sich besonders viele Menschen melden?

Bei den Kriseninterventionszentren eher tagsüber. Es gibt Hinweise für saisonal bedingte Schwankungen. Anders als gemeinhin angenommen, ist es weniger der Herbst, der Menschen mit psychischen Problemen vor allem zu schaffen macht, sondern der Frühling.

Denn, wenn alles spriesst und andere sich an der Natur freuen und aufblühen, wird einem depressiven Menschen umso klarer vor Augen geführt, dass er eben keine Freude empfinden kann.

Entsteht durch das Telefongespräch eine Art von Beziehung?

Ein Anruf bei der Telefonseelsorge dauert durchschnittlich 20 Minuten, und es ist möglich, dass man nie mehr von dieser Person hört. Es gibt aber auch jene, die eine länger dauernde Beziehung zum Gesprächspartner aufbauen und wieder mit ihm sprechen möchten.

Das erste Gespräch dient vor allem dem Zuhören, der Klärung und der Vertrauensgewinnung. Ein wesentliches Ziel ist die emotionale Entlastung. Nach dem Anruf soll der Betroffene wieder klarer denken, den Realitätsbezug besser herstellen können.

Ist das in einem Gespräch von 20 Minuten möglich?

Das Problem wird ja in diesem Gespräch nicht gelöst. Aber eine Entlastung stellt sich häufig schon ein. Und das ist die Hauptmotivation der Hilfesuchenden: jemanden zu finden, der einfach mal zuhört.

Fehlen diesen Menschen persönliche Bezugspersonen?

Nicht unbedingt. Es ist möglich, dass sie sich ihrem Umfeld ganz einfach nicht anvertrauen können oder möchten. Oder die Bezugspersonen haben sich bereits zurückgezogen, haben ihnen gesagt: Ich kann dir nicht helfen. Manche wollen andere ganz einfach nicht mit ihrem Problem belasten.

Gibt es eine bestimmte Gesprächsführung?

Darin sind alle Berater professionell geschult. Dennoch: Ganz wichtig ist, dem Gespräch Raum zu geben. Dem Hilfesuchenden zu vermitteln: Ich werde gehört. Die Gespräche sind hochemotional, man muss nicht unbedingt eine Ordnung hineinbringen. Aber man sollte rückfragen, nicht nur zuhören. Strukturierend ja, und eher begleitend.

Wie geht man mit Menschen um, die ihren unmittelbaren Suizid ankündigen?

In erster Linie ist einzuschätzen, wie gefährlich die Situation ist. Geht es um Leben oder Tod? Hat die Person sich schon für eine konkrete Suizidmethode entschieden? Die Motivation, sich noch helfen zu lassen, zeigt sich ja gerade durch die aktive Kontaktaufnahme.

Suizid ist wie eine Scheinlösung, weg aus dem unerträglichen Notzustand. Dazu kann der Berater von aussen Alternativen aufzeigen. Die Lösung muss die Person dann selbst finden.

Bringt diese Situation den Berater nicht ebenfalls unter enormen Druck?

Die Situation ist tatsächlich sehr belastend. Zeichnet sich ein Suizid in den nächsten Stunden ab, muss sofort gehandelt werden. Das löst auch bei Beratern am Telefon enormen Stress aus.

Wie können Sie sich abgrenzen?

Pausen sind sehr wichtig, Abstand durch Sport, Natur, das Familienleben. Weniger einfach ist, über ein Gespräch nicht mehr nachzudenken. Es nützt nichts, wenn der Betreuer selbst nicht mehr schlafen kann. Wir sind keine Maschinen. Wir tauschen uns beispielsweise mit Kollegen oder Supervisoren aus, um uns zu entlasten und deren Perspektive zu hören.

Und wenn Sie später hören, Ihr Gesprächspartner hat doch Suizid begangen?

Das ist leider Teil der Hochrisiko-Situationen. Ich gehe das Gespräch nochmals im Kopf durch, überlege mir, ob ich etwas anders hätte machen können, beziehe Gesichtspunkte von anderen mit ein. Die Erfahrung hilft hoffentlich später einem anderen Menschen in Not.

Skype oder Facetime machen möglich, das Gegenüber zu sehen. Ein Fortschritt?

Bildtelefonie ist noch nicht so stark verbreitet, meistens möchte der Anrufer seine Anonymität wahren. Was aufkommt, sind Chats im Internet oder Mitteilungen per SMS. Daraus ergibt sich zwangsläufig eine gewisse Distanz. Und die Schwelle sich zu melden, ist nochmals tiefer.

Ist eine Tendenz bei den genannten Problemen festzustellen?

Burnout und Mobbing-Themen nehmen tendenziell zu. Thema Nummer eins ist und bleibt der Beziehungsabbruch, sei es in Partnerschaft, Familienleben oder am Arbeitsplatz.