Wurden Naturereignisse wie Erdbeben, Überschwemmungen oder Dürren noch bis ins späte Mittelalter als Ermahnungen oder Strafen Gottes gedeutet, versuchte bereits Jeremias Gotthelf in der «Wassernot im Emmental», zwischen damaligen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und religiösen Erklärungen zu differenzieren. Grössere Katastrophen führten bereits im 19. und 20. Jahrhundert gemäss Untersuchungen des Klimahistorikers Christian Pfister vermehrt zu nationaler Zusammengehörigkeit. Mit den aufkommenden neuen Zeitungen von damals wurden Katastrophen immer mehr auch zu Medien-ereignissen und zu breiten Solidaritätskundgebungen.

Solidarität als Antwort

Katastrophen bewegen uns, machen uns betroffen und fordern uns – nicht zuletzt aus Mitleid oder sozialer Verantwortung – zu aktivem Handeln auf. Als «Stimme der Glückskette» während Jahren habe ich immer wieder Menschen dazu bewegen dürfen, am Leid anderer Anteil zu nehmen. Im Wort «Anteil» steckt aber auch «teilen», was ich gerne mit Solidarität umschreibe. Die Glückskette tritt deshalb im Ausland international mit dem Namen «Swiss Solidarity» auf: Hilfe und Anteilnahme aus der Schweiz.

Drei humanitäre Grundsätze

Die Schweiz darf aber nicht nur auf ihre Solidarität stolz sein – sie darf es auch wegen der hohen Qualität ihrer humanitären Hilfe. Die Arbeit von Schweizer Hilfswerken darf sich weltweit mit den Besten messen. Unsere Hilfsprojekte sind vielleicht nicht immer die originellsten, nicht jene, die am schnellsten realisiert werden. Dafür sind sie meistens durchdacht, seriös abgeklärt, von langjähriger Erfahrung und nachhaltiger Wirkung gekennzeichnet. Die Glückskette beispielsweise schreibt ihren über 30 Partner-Hilfswerken drei humanitäre Grundsätze vor: 1. Beteiligung der Betroffenen bei der Realisierung von Hilfsprojekten, 2. Nachhaltigkeit und 3. Do no harm: Keine bestehenden Konflikte verstärken oder neue provozieren. Diese Grundsätze, die weltweit anerkannt sind, vermeiden weitgehend, dass zwar gut gemeint, jedoch an den örtlichen Bedürfnissen vorbei geholfen wird, Betroffene von Hilfe abhängig werden und in Konfliktgebieten sorglos vorgegangen wird. Nachhaltigkeit erreicht man beispielsweise dadurch, dass nach dem Wiederaufbau neuer Häuser den Opfern von Katastrophen dank Umschulung und Gewährung von Kleinkrediten eine neue Existenz ermöglicht wird.

Solidarität gegen Ego-Trip

2011 ist das Jahr der Freiwilligen – und sie sind eine doppelte Antwort zum erwähnten Solidaritätsgedanken: Hilfe muss sich nicht nur materiell äussern. Der Einsatz mit Zeit und persönlichem Engagement sind ebenso wertvolle Beiträge für eine etwas bessere und gerechtere Welt. Und es ist vor allem eine unmissverständliche Antwort gegen das zunehmende Ego-Verhalten in einer Zeit, wo so viele nur noch an sich, an Fun und ans oberflächliche Rennen nach Glück glauben…