Stellen Sie sich vor, Sie müssten heute nicht darüber entscheiden, ob Sie am Abend Ghackets mit Hörnli kochen oder doch lieber grillieren, sondern verzweifeln daran, dass Sie für Ihre Familie nichts als einen Rest trockenen Brotes und dreckiges Wasser haben.

Stellen Sie sich vor, Sie könnten mit Ihrem kranken Kind nicht zum Arzt gehen oder in der nächsten Apotheke Medikamente kaufen, sondern Sie müssten hilflos mit ansehen, wie es ihm immer schlechter geht, weil es seit Monaten keine medizinische Versorgung mehr gibt.

Stellen Sie sich vor, Sie könnten nachts nicht in Ihrem Bett schlafen, sondern müssten sich notdürftig im Regen mit Plastikplanen warmhalten, weil Sie auf der Flucht sind.

Es ist egal, was man tut. Es ist nur wichtig, dass man etwas tut

Stellen Sie sich nur einen Moment lang vor, Sie könnten nicht in ein Flugzeug steigen, um von A nach B zu gelangen, sondern müssten in einem überfüllten und löchrigen Schlauchboot unter Lebensgefahr nachts in See stechen und könnten nicht schwimmen.

Manchmal hilft ein Perspektivwechsel, damit aus Zahlen wieder Menschen werden. 60 Millionen Menschen sind derzeit auf der Flucht vor Krieg und Gewalt, vor Hunger, Leid und Armut, so viele wie noch nie.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Fünf Jahre Krieg in Syrien: Die Menschen sind gefangen zwischen Regierungstruppen und islamistischen Kämpfern, leben täglich in der Angst, dass die nächste Bombe sie trifft. Ihre Häuser zerstört, Medizin und Nahrung gibt es nicht. Oder Afghanistan: Jahrzehntelange Machtkämpfe, Konflikte und Terror, über eine Million Binnenflüchtlinge, die kein Dach über dem Kopf haben und hungern, die fürchten, dass ihre Kinder den nächsten Winter nicht überleben.

Oder Eritrea, wo junge Menschen trotz Versprechungen der Regierung nach wie vor zu einem unbegrenzten Nationaldienst eingezogen werden, oftmals für Jahrzehnte, wo Verweigerer, Andersdenkende und Kritikerinnen nach wie vor eingesperrt und gefoltert werden.

60 Millionen sind eine schwer fassbare Grösse, aber es geht um einzelne Menschen, um Mütter und Väter, Töchter und Söhne. Sie haben, anders als wir, nicht das Glück, in einem Land zu leben, in dem es keinen Krieg und so gut wie keine Armut gibt. Daran sollten wir jeden Tag denken, nicht nur am Weltflüchtlingstag.

Eine globale Umfrage bei 27'000 Menschen in 27 Ländern im Auftrag von Amnesty International hat gerade gezeigt, dass die Mehrheit weltweit eine deutlich grössere Bereitschaft zeigt, Flüchtlinge aufzunehmen, als bisher angenommen. Jeder Zehnte der Befragten würde einen Flüchtling bei sich zu Hause aufnehmen, weltweit gesehen würde ein Drittel Flüchtlinge in der Nachbarschaft willkommen heissen.

Die Bevölkerung in 20 von 27 untersuchten Ländern gibt an, dass sie Flüchtlinge im eigenen Land willkommen heissen würde. Dieser «Refugees Welcome Index» weist darauf hin, dass die politische Rhetorik gegen Flüchtlinge an der öffentlichen Meinung vorbeigeht.

Wir sollten uns engagieren und nicht nur jeden Abend in der Tagesschau die schrecklichen Bilder von ertrunkenen Flüchtlingen an uns vorbeiziehen lassen. Helfen kann man auf so vielfältige Weise: an den Stränden, wo die Boote anlanden, und in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln. Oder hier in der Schweiz: Was kostet es uns, gemeinsam etwas mit Flüchtlingen zu unternehmen, ihnen zu helfen, sich bei uns zurechtzufinden, die neue Familie in der Nachbarschaft zu unterstützen?

Für ein «Gemeinsam Znacht» kochen und einen jener jungen Männer einladen, die sonst in einer unterirdischen Zivilschutzanlage ausharren müssen? Man kann sich gesellschaftlich und politisch einbringen, spenden … Oder so wie Roger Federer vor Ort helfen, mit seiner Stiftung im südlichen Afrika. Er will dazu beitragen, dass auch von Armut betroffene Kinder dank Frühförderung und guter Bildung ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen können.

Es ist egal, was man tut. Es ist nur wichtig, dass man etwas tut – nicht nur am Weltflüchtlingstag.