«Das sind nicht Analphabeten, sondern Leute, die normal durchs Schulsystem gegangen sind. Rund ein Drittel der Betroffenen haben einen Migrationshintergrund, die anderen sind Schweizer, die deutsch-, französisch- oder italienischsprachig aufgewachsen sind», sagt  Elisabeth Derisiotis, Geschäftsführerin der Stiftung für Alphabetisierung und Grundbildung Schweiz (SAGS). Die Lese- und Schreibschwäche wird heute Illettrismus genannt, früher wurde sie als funktionaler Analphabetismus bezeichnet. Das Erstaunliche ist, dass man seit etwa 20 Jahren um die Problematik weiss, jedoch die Zahl stagniert. «Dies hängt sicherlich damit zusammen, dass Betroffene ihre Lese- und Schreibschwäche oftmals verheimlichen und deshalb keine Kursangebote in Anspruch nehmen. Denn das Thema ist mit grossen Schamgefühlen verbunden», so Derisiotis.

Verheimlichen wegen Schamgefühlen

Die grösste Herausforderung besteht deshalb darin, die Gruppe der betroffenen Personen zu erreichen und sie zu motivieren, an den Weiterbildungsangeboten teilzunehmen. Denn wer das Lesen und Schreiben nur unzureichend beherrscht, ist bei der Arbeit und im Alltag stark benachteiligt. «Häufig können die Betroffenen ihre Defizite lange Zeit verheimlichen. Verliert jemand etwa seine Stelle und muss sich neu bewerben, werden diese jedoch zu einem Riesenproblem.» Dagegen möchte die Stiftung für Alphabetisierung und Grundbildung vorerst in der deutschen Schweiz angehen. «Mit gezielten Kampagnen für verschiedene Zielgruppen möchten wir die Betroffenen erreichen, auf das Thema aufmerksam machen und die Motivation für einen Kursbesuch erhöhen. Zudem möchten wir auch signalisieren, dass man nicht alleine mit diesem Problem ist.»

Hilfe im Angebotsdschungel

An den passenden Kursen mangelt es nicht, denn  Institutionen haben die Problematik längst erkannt und bieten seit Jahren Kurse für Deutschsprachige sowie für Personen mit Migrationshintergrund an. «Das Angebot ist gross, wird jedoch von Deutschsprachigen kaum genutzt. Uns ist es deshalb ein Anliegen, den Betroffenen beratend zur Seite zu stehen,  sie zu einem Kursbesuch zu animieren und mit ihnen dann den passenden Kurs zu finden.» Dazu wird das  Alfa-Telefon im Spätherbst seinen Betrieb aufnehmen. Dieses ist dazu da, Jugendliche und Erwachsene mit mangelnder Grundbildung, insbesondere mit ungenügender Lese- und Schreibkompetenz, zu beraten. «Anrufende werden von qualifizierten Personen beraten und auf entsprechende Lernangebote in ihrer Region hingewiesen. Auf Wunsch kann die Beratung anonym durchgeführt werden», so Elisabeth Derisiotis abschliessend.