In Brasilien gelten mehr als 22 Millionen Personen als Analphabeten, und rund 58 Prozent der Personen über 15 Jahren weisen einen Schulbesuch von weniger als acht Jahren auf. Damit liegt Brasilien unter dem Niveau vergleichbarer Schwellenländer wie etwa Südkorea. Deshalb fokussierte das neue Bildungsgesetz von 1996 vor allem auf die Verbesserung der Zugangschancen für einen mittleren Bildungsabschluss.

Als kritisch eingestuft

Viele Jugendliche in Brasilien besuchen heute Abendkurse. Dabei handelt es sich um bereits berufstätige junge Erwachsene, die fast ausschliesslich aus den unteren sozialen Schichten stammen. Ihre prekäre Lernsituation, nach einem Voll-Arbeitstag noch Abendkurse in überfüllten Klassen zu besuchen, verstärkt zusätzlich die Ungleichheit der Chancen. Statistiken zeigen, dass ein Drittel der Schüler der vierten Klasse und fast die Hälfte der achten Klasse sowie des letzten Jahres der mittleren Bildung arbeiten, um das Familieneinkommen zu verbessern. Von den Schülern des dritten Jahres der mittleren Bildung, deren Leistungsstand als kritisch eingestuft wird, besuchen sogar 76 Prozent den Abendunterricht, das heisst, sie gehen tagsüber einer Beschäftigung nach.

Für Jugendliche, welche nur die brasilianische Staatsschule absolviert haben, ist der Einstieg in den Arbeitsmarkt nach wie vor praktisch unmöglich.

Fehlende Infrastruktur

Konkrete Projekte in Brasilien wollen die soziale Integration von Kindern durch Schulung fördern sowie eine berufliche Vermittelbarkeit von Jugendlichen durch eine Berufslehre und ausserschulische Weiterbildungskurse ermöglichen. Es bleibt indes noch viel zu tun.

Tatsache ist: Nur schon das tägliche Leben ist für Kinder aus brasilianischen Slums alles andere als einfach. Das Fehlen einer angemessenen Infrastruktur und motivierter, qualifizierter Lehrkräfte führt in Brasilien dazu, dass die Staatsschulen unter einem Qualitätsmangel leiden. Der Schulunterricht findet unter prekären Verhältnissen statt und bietet pro Klasse mit bis zu 45 Schülern pro Tag nur rund fünf Unterrichtsstunden an.

Wegen des Platzmangels in den Schulen besteht auch keine Schulpflicht, sondern nur ein Schulrecht. Infolge fehlender finanzieller Mittel werden nur die elementarsten Fächer unterrichtet. Die Jugendlichen in den Agglomerationen der grossen Städte besuchen die öffentliche Schule vielfach nur unregelmässig oder verlassen bereits die Grundschule, um einer Arbeit nachzugehen und die Familie damit zu unterstützen.

Staatliche Ausbildungsstätten

Für Jugendliche, welche nur die brasilianische Staatsschule absolviert haben, ist der Einstieg in den Arbeitsmarkt nach wie vor praktisch unmöglich. Ihre schulische Bildung weist zu viele Mängel auf und sie verfügen deshalb nicht über die entsprechenden Kompetenzen, die sie für eine Berufsausbildung befähigen. Abhilfe schaffen wollen hier staatliche Ausbildungsstätten, in denen Jugendliche ein Basiswissen für den Einstieg in die Berufswelt erhalten.

Dies reicht jedoch nicht aus, weil die Jugendlichen am gleichen Tag die Schule und die Ausbildungsstätten besuchen müssen, wenn sie nicht bereits einer Arbeit nachgehen. Hinzu kommt, dass die Kurse der Ausbildungsstätten kostenpflichtig sind, das Geld aber häufig nicht vorhanden ist, um diese Kosten bezahlen zu können. Zudem entsprechen die angebotenen Ausbildungen zum Teil nicht mehr den Anforderungen des Arbeitsmarktes.