Herr Ledergerber, im März wurde bekannt, dass die UNO-Millenniumsziele für die globale Trinkwasserversorgung erreicht wurden. Braucht es überhaupt noch Entwicklungshilfe in diesem Bereich?
Immer noch haben 783 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, südlich der Sahara sind 39 Prozent der Bevölkerung von Wasserarmut betroffen. Fortschritte gibt es vor allem in den Städten. In den ländlichen Gebieten bleibt die Versorgung eine grosse Herausforderung.

Gibt es Hoffnung, dass sich die Wassernot in absehbarer Zeit eliminieren lässt?
Es besteht die Gefahr, dass die Anstrengungen nachlassen, da die Millenniumsziele erreicht worden sind. Nicht nur der Klimawandel wird die Wasserkrise akzentuieren. Das Bevölkerungswachstum und das steigende Wohlstandsniveau in den Schwellenländern werden zu einem höheren Wasserverbrauch – etwa in der Nahrungsmittelproduktion – führen. Die UNO schätzt, dass bis 2025 die Hälfte der Menschheit unter Wassernot leiden wird.

Wasser ist für uns eine Selbstverständlichkeit. Es steht uns quasi unbegrenzt und in bester Qualität zur Verfügung. Was bedeutet für Menschen in Entwicklungsländern ein Leben ohne sauberes Wasser?
Wasser überträgt viele Krankheiten, an denen mehr als 3000 Kinder täglich sterben. Frauen und Kinder müssen Wasser aus oft weitgelegenen Wasserlöchern schöpfen, aus denen auch Tiere trinken, die Keime einschleppen. Und wo es schon Brunnen gibt, aber sanitäre Anlagen fehlen, ist das Wasser verschmutzt: Die Krankheitserreger gelangen über die Fäkalien ins Trinkwasser.

Elmar Ledergerber
Vize-Präsident Helvetas, ehem. Stadtpräsident von Zürich

Wie kann man die Wasserprobleme nachhaltig lösen?
Die technischen Herausforderungen hat man mittlerweile im Griff. Wichtiger für den langfristigen Erfolg sind soziale Faktoren wie die Einbindung der lokalen Bevölkerung und Behörden. In Nepal zum Beispiel ist es uns gelungen, die lokale Selbstbestimmung zu fördern, indem wir in Zusammenarbeit mit den Dorfbewohnern, den Gemeindebehörden und dem örtlichen Kleingewerbe, Wassernutzungspläne erarbeitet sowie Wasserversorgungen, sanitäre Anlagen und Kleinbewässerungen erstellt haben. Entscheidend ist das Bewusstsein, dass diese Prozesse Zeit brauchen.

Inwiefern ist der Wassermangel auch ein landwirtschaftliches Problem?
Ohne Wasser wächst nichts. Der Ernteerfolg ist in vielen Entwicklungsländern vom Regen abhängig, da die meisten Felder und Äcker nicht bewässert werden. Der Klimawandel verschiebt zudem das Regenfallmuster, weshalb beispielsweise in Äthiopien weniger Regen fällt als früher. Nicht nur Dürren, auch Überschwemmungen und Erosionen sind ein Problem, da sie die landwirtschaftlichen Nutzgebiete verwüsten. Weltweit gehen 70 Prozent des Wasserverbrauchs auf das Konto der Landwirtschaft. Dabei ist die Bewässerung oft ineffizient. Helvetas engagiert sich in ihren Projekten für eine ökologische Produktion und für effizientere Bewässerungsmethoden.

Eine neue Studie besagt, dass wir Schweizer täglich 4200 Liter Wasser verbrauchen. Sollten wir unseren Wasserkonsum angesichts der globalen Wassernot nicht einschränken?
Viele sind sich nicht bewusst, wie kostbar sauberes Wasser ist, da sie in einem Wasserschloss, umgeben von Gletschern, Seen und einer funktionierenden Wasserversorgung leben. In einigen Jahrzehnten kann sich die Situation jedoch ändern, unsere Gletscher schmelzen und die Wasserreserven werden abnehmen. Gerade deshalb ist es wichtig, dass wir unser Konsumverhalten hinterfragen. Es braucht ein Produkte-Label, ähnlich wie es beim CO₂ schon vorhanden ist. Denn ein Grossteil der 4200 Litern Wasser, die jeder täglich verbraucht, steckt in importierten Gütern, teilweise aus wasserarmen Ländern.