Wo, Frau Vianden, sehen Sie die Notwendigkeit eines funktionierenden Finanzwesens in Entwicklungsländern?

Vor allem im ländlichen Bereich ist den Menschen der Zugang zu Geld oft erschwert. Es sind keine Banken vorhanden und es gibt keine Sicherheiten, um an Bankkredite zu kommen.

Ebenso fehlt der Spielraum für Investitionen. Die hohe Rate an Analphabeten, fehlende Kenntnisse über die nationalen Gesetze und Länderstrategien sowie fehlende qualitative Entwicklungsprogramme in den ländlichen Gebieten verschärfen die Probleme. Mit Spar- und Leihgruppen können die Herausforderungen angegangen werden.

Weshalb braucht es vor allem auch in den ländlichen Gebieten ein gut funktionierendes Finanzsystem?

Die Landbevölkerung ist oft ausgeschlossen vom sozialen und wirtschaftlichen Geschehen des Landes

Die Landbevölkerung ist oft ausgeschlossen vom sozialen und wirtschaftlichen Geschehen des Landes. Die geringe Einbeziehung der armen Landbevölkerung in den Wirtschaftssystemen führt vielfach zu einer weiteren Marginalisierung und Ausgrenzung in sozialen und politischen Systemen.

Folge davon sind ein begrenzter Zugang zu Kapital und mangelnder Zugang zu Märkten. Hier können gemeinschaftliche Spargruppen zu einer Steigerung der Produktion und damit zu einer nachhaltigen Einkommensverbesserung beitragen. Zum Beispiel durch Ankauf von zusätzlichem Saatgut oder Land.

Wie funktioniert eine sogenannte Spar- und Leihgruppe?

Dorfspargruppen bestehen aus bis zu 25 Mitgliedern, die sich regelmässig treffen, um gemeinsam einen angemessenen Betrag anzusparen. Aus diesen Spareinlagen können dann die Mitglieder vereinzelt Kredite zugeteilt bekommen.

An und für sich dient das System aber dazu, dass den Menschen die Möglichkeit gegeben wird, eigenes Geld anzusparen. Am Ende eines Jahres wird der ganze Betrag dann ausbezahlt.

Dieser kann aber beim nächsten Treffen wieder einbezahlt werden, wenn dies gewünscht wird. Auch in einen «Social Fund» wird regelmässig ein sehr geringfügiger Betrag einbezahlt, von dem etwa Arztkosten, Beerdigungen und andere unvorhergesehene Kosten getilgt werden können.

Wie können solche Spar- und Leihgruppen an den kulturellen Kontext angepasst werden und welche Bedeutung haben sie für die einzelnen Gruppenmitglieder?

Im afrikanischen Kontext ist der soziale Aspekt weitaus wichtiger als in reichen Gesellschaften: Man hilft sich, wo man nur kann, und verspielt damit leider oftmals die Chance, selbst etwas aufzubauen. Hier kann die Gruppendynamik Abhilfe schaffen.

Der regelmässige Austausch in der Gruppe ist kulturell gesehen sehr wichtig, um sich im Sparen gegenseitig zu unterstützen, da nach lokaler Tradition eigentlich alles, was erwirtschaftet wird, sofort mit der Familie oder im Dorf geteilt wird.

Sparen wird als unsympathisch und geizig betrachtet, da der Zusammenhalt in instabilen, armen Gesellschaften oft das Einzige ist, was die Menschen am Leben hält. Diese Erscheinung führt leider auch dazu, dass die Menschen es nicht schaffen, sich etwas aufzubauen. Der «Social Fund» für Spar- und Leihgruppen dient dazu, genau das auszugleichen.

Alle Mitglieder zahlen regelmässig einen sehr kleinen Betrag in diesen Fonds ein. Wenn im Dorf jemand Hilfe braucht, dann bietet die Spar- und Leihgruppe Soforthilfe über den Fonds. Dieser Betrag muss nicht zurückbezahlt werden und steht nach eingehender Prüfung der Gruppe auch Dorfbewohnern zur Verfügung, die nicht Teil der Gruppe sind.

Was können bereits kleine Sparbeträge bewirken?

Damit kann zum Beispiel das Schulgeld bezahlt oder Saatgut für die neue Saison gekauft werden, falls die Ernte ausfällt. Zudem tragen sie zur Gleichberechtigung im Haushalt bei, da sich oftmals zuerst die Frauen für diese Art von Gruppe begeistern lassen. Und sie dienen der Existenzsicherheit für die ganze Familie.