Ein Glas Konfitüre öffnen? Den Deckel der Shampooflasche aufschrauben? Über diese alltäglichen Handgriffe verlor Alfred Heini (62) bis vor einem knappen Jahr keinen einzigen Gedanken. Er stand mit beiden Beinen im Leben, führte in Zürich sein eigenes Geschäft für Dekorationen und Messebau und war beruflich und privat viel unterwegs. Dann, im Juli 2011, kam die Herzoperation. Ein Routineeingriff, der problemlos über die Bühne ging.

Ein steiniger Weg

Alfred Heini plante schon die nächsten Arbeitswochen. Doch zwei Tage nach der Operation veränderte ein Hirnschlag sein Leben von Grund auf. Als er nach dem Schlaganfall aufwachte, war er rechtsseitig gelähmt und konnte weder gehen noch sprechen, weder lesen noch schreiben. «Wortwörtlich mit einem Schlag hat sich meine Lebensperspektive um 180 Grad gewendet», sagt Heini. «Aber ich hatte noch einigermassen Glück im Unglück: Ich bin auf gutem Weg, wenigstens wieder ein Stück Normalität zu erlangen», fügt der Optimist an.

Steinig und schwer

Doch dieser Weg ist steinig und hart. Und er erfordert regelmässige Rehabilitationstherapie. Doch wie kommt man drei Mal wöchentlich von der Wohnung ins Therapiezentrum, wenn man alleinstehend ist, öffentliche Verkehrsmittel unüberwindbare Hindernisse darstellen und die finanziellen Möglichkeiten nicht unerschöpflich sind? Alfred Heini hat im Fahrdienst des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) die Lösung für dieses Problem gefunden.
Das funktioniert so: Freiwillige Fahrerinnen und Fahrer begleiten Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind – zum Arzt, ins Spital, zum Kuraufenthalt oder eben in die Therapie. Alfred Heini hat in der Freiwilligenfahrerin Monika Känel seine, wie er es nennt, «Privatchauffeuse» gefunden. Sie begleitet ihn mit ihrem eigenen Auto von der Haustür bis ins Therapiezentrum und wieder zurück. «Ein Mal Therapie retour, bitte», sagt er jeweils spasseshalber zur Begrüssung, wenn die Fahrerin ihn abholt. Die pensionierte Bankangestellte stellt sich seit etwas mehr als zwei Jahren für Einsätze des Fahrdiensts zur Verfügung. «Ich habe Zeit und bin gesund, darum habe ich das Bedürfnis, mich sinnvoll für weniger Privilegierte einzusetzen», begründet sie ihr Engagement. Heini ist dankbar: «Ich wüsste nicht, wie ich meinen Alltag ohne das Fahrdienst-Angebot bewältigen sollte. Das ist eine enorme Entlastung für mich.» Zur Deckung der Kosten bezahlt er Monika Känel eine Kilometerentschädigung.

Hilfe annehmen lernen

Der Umgangston zwischen Heini und Monika Känel ist freundschaftlich. Sie lobt seine Fortschritte beim selbständigen Einsteigen, er hilft ihr während der Fahrt, den Überblick im Verkehr zu bewahren. «Ich schätze es sehr, dass meistens die gleiche Fahrerin kommt. Dieser persönliche Kontakt macht vieles leichter», sagt Heini. Er macht gute gesundheitliche Fortschritte. Gehen und Sprechen hat er in den letzten Monaten wieder gelernt. Er schafft mit Hilfe einer Fussstütze und eines Gehstocks schon wieder selbständig die 56 Treppenstufen zu seiner Wohnung im dritten Stock. Lesen und Schreiben seien noch sehr anstrengend, sagt er: «Ich werde schnell müde.» Auch einfache Tätigkeiten wie das Öffnen eines Konfitürenglases müssen wieder geübt werden. Das Schlimmste sei für ihn, dass er plötzlich auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen sei, sagt Heini – in der Mobilität, beim Einkaufen, beim Haushalt. «Ich muss akzeptieren, dass ich das alles nicht mehr alleine bewältigen kann, es bleibt mir nichts anderes übrig.» Was seine Zukunft betrifft, denkt er sehr positiv. Er ist zuversichtlich, dass er seinen Gesundheitszustand noch um einiges verbessern kann. Seine Ziele sind hoch gesteckt: «Wer weiss, vielleicht fahre ich selber wieder mal Auto. Aber nicht in die Therapie, sondern einfach so, zum Vergnügen.»