«Der Wald war einst das Zuhause der Adivasi, der Urbevölkerung Indiens. Hier fanden sie ausreichend Nahrung – bis sie vertrieben wurden», erklärt Antonio Hautle, Direktor von Fastenopfer. Wenn die Adivasi ihr Land verlieren und wegziehen müssen, verlieren sie einen Teil ihrer Kultur und ihrer Identität. Die meisten müssen sich als Landarbeiter bei Grossgrundbesitzern verdingen. Dort arbeiten sie zu einem minimalen Lohn. Um Nahrung zu kaufen, müssen sie sich verschulden und die Schulden mit Arbeit zurückzahlen.
Die Hilfsorganisation unterstützt Adivasi, die sich aus dieser Abhängigkeit befreien wollen. 15 bis 20 Familien schliessen sich in einer selbst verwalteten Spargruppe zusammen und sparen sich jede Woche eine Handvoll Reis oder ein paar Rupien vom Mund ab. Mit dem Vorrat können sie sich gegenseitig aushelfen und müssen keine externen Darlehen gegen horrende Zinsen aufnehmen.
Die Partnerorganisationen von Fastenopfer begleiten in Indien rund 2800 Spargruppen. Sie informieren die Mitglieder über ihre Rechte und zeigen ihnen auf, wie sie zu Landtiteln und zu Identitätskarten kommen. Auf ihrem Weg der Befreiung besinnen sich die Adivasi auf ihre religiösen und kulturellen Wurzeln, was ihr Selbstbewusstsein stärkt.

Antonio Hautle
Direktor Fastenopfer

Man kann nicht einfach weg schauen
Besonders wichtig für das Hilfswerk ist die Befreiung für viele Mädchen und Frauen. Oft sind sie der Willkür des Grossgrundbesitzers ausgeliefert: «Nicht nur müssen sie arbeiten, wann und solange dieser befiehlt; sie werden auch geschlagen und vergewaltigt.» Auch der Spargruppen ist es zu verdanken, dass sich die Adivasi nun genügend stark fühlen, um sich gegen diese Ungerechtigkeit zu wehren. Und sie wissen nun, dass die gesetzlichen Rechte auch für sie gelten.
Fastenopfer setzt sich auf der Basis der Menschenrechte für benachteiligte Menschen ein. «Glaube und Gerechtigkeit sind für uns nicht zu trennen», sagt Antonio Hautle. «Christen, die ihre Grundhaltung ernst nehmen, können bei einer Ungerechtigkeit nicht wegschauen.»
Das Hilfswerk vertritt bei religiösen Fragen eine tolerante Haltung. Hautle: «Wir arbeiten in unseren Projekten bewusst als «faith based organisation», dass heisst, wir basieren unsere Arbeit auf dem christlichen Glauben, akzeptieren aber verschiedene Glaubensrichtungen und sind für den religiösen Dialog. Als Menschen müssen wir uns gegenseitig respektieren, wenn menschliches Zusammenleben gelingen soll.»