Welche Rolle spielt das «soziale Engagement» in Ihrem Leben?

Ein Leben ohne soziales Engagement könnte ich mir gar nicht vorstellen. Menschen sind nicht nur Individuen, sondern auch Teil eines Kollektivs, in dem sie Mitverantwortung übernehmen sollten. Dieses Kollektiv beginnt bei der eigenen Familie, führt über soziale Netzwerke und Organisationen bis hin zur gesamten Menschheit. Engagieren kann man sich auch für andere Lebewesen, natürliche Ressourcen, kulturelle Werte und so weiter. Ich selbst versuchte, mich neben meinen beruflichen Aufgaben vor allem für andere Menschen und ihre Rechte einzusetzen.

 

Was hat Sie motiviert, sich humanitär zu engagieren?

Mit Jahrgang 1937 erlebte ich noch als Kind den Zweiten Weltkrieg und die unmittelbaren Jahre danach. Die Gräuel des Krieges, menschliches Elend, Vertriebene und Flüchtlinge waren Dauerthemen bei Tischgesprächen. Als 1956 nach dem Ungarnaufstand ungarische Studenten an der HSG (Universität St. Gallen) um einen Studienplatz nachsuchten, wirkte ich mit in der studentischen Flüchtlingshilfe und etwas später als Mitarbeiter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in Budapest. Das war für mich ein kleiner Dank dafür, dass wir vom Krieg verschont blieben, in Freiheit und Sicherheit aufwachsen durften.

 

In welchem Land braucht es Ihrer Meinung nach aktuell besonders viel Hilfe?

Gemäss Uno und IKRK stehen wir gegenwärtig vor einer der grössten Hungerkatastrophen seit dem Zweiten Weltkrieg. Betroffen sind mehrere Millionen Menschen in Jemen, im Südsudan, Somalia, Nordnigeria, in anderen Ländern Afrikas und im Kriegsgebiet des Mittleren Ostens. Leider gibt es noch Dutzende andere Konfliktherde, von Menschen verursachte Krisen oder naturbedingte Katastrophen, die keine medialen Schlagzeilen mehr machen und deren Opfer wir beinahe vergessen haben.

 

Viele Menschen sind dem Thema der Flüchtlingshilfe gegenüber negativ eingestellt. Woran könnte dies liegen?

Es gilt einerseits zu unterscheiden zwischen der Flüchtlingshilfe in den Ländern und Regionen, wo Kriegsvertriebene in notdürftigen Unterkünften ausharren müssen, und anderseits der Asylpolitik in Europa. Die internationale Flüchtlingshilfe stösst kaum auf Ablehnung, während die Bevölkerung in Aufnahmeländern gegenüber der Asylpolitik mehr oder weniger zweigeteilt ist. Die einen sind offen, die anderen möchten die Grenzen gegen jede Art von Einwanderung schliessen. Begründen lässt sich dies zum Teil mit Ängsten vor Kriminalität oder gar Terror, Bedrohung des Arbeitsplatzes oder schlicht mit fehlendem Einfühlungsvermögen. Diese ablehnende Haltung wird von nationalkonservativen Parteien und ihren Medien geschürt. Natürlich gibt es auch Asylsuchende und vorläufig Aufgenommene, die sich schlecht integrieren und negativ auffallen.

 

Im Jahr 1986 wurden Sie als erster Delegierter des Bundesrates für das Flüchtlingswesen ernannt. Vor welchen Herausforderungen standen Sie zu dieser Zeit?

Primär hatte ich im EJPD (Eidgenössisches Justiz- und Polizeidepartement) einen neuen Führungsbereich aufzubauen, aus dem später das Bundesamt für Flüchtlinge (BFF) wurde. Angesichts des bereits bestehenden hohen Pendenzenberges unerledigter Asylverfahren war neues Personal zu rekrutieren. In Genf, Chiasso, Kreuzlingen und Basel mussten Empfangsstellen errichtet werden. Mit Kantonen und Gemeinden war über Aufnahmestrukturen zu verhandeln und mit zivilgesellschaftlichen Organisationen zusammenzuarbeiten. Schliesslich mussten wir auch die internationale Zusammenarbeit und den Erfahrungsaustausch mit anderen Staaten pflegen.

 

Diese Führungstätigkeit war kein soziales Engagement, sondern während gut sieben Jahren mein Beruf. Bei allen Schwierigkeiten war das eine sinnvolle, spannende und dankbare Aufgabe, insbesondere weil ich auf hoch motivierte und leistungsbereite Mitarbeitende zählen durfte.

 

Worin bestand denn neben Ihrem Beruf Ihr soziales Engagement?

Während bald 60 Jahren habe ich parallel zu meiner beruflichen Tätigkeit ehrenamtliche Aufgaben wahrgenommen. Ich verstand mich dabei nie als Gutmensch, sondern hatte Freude am Organisieren und mit Gleichgesinnten etwas zu bewegen. Die Bedingung war, dass ich mit freiwilliger Arbeit etwas zur Realisierung übergeordneter Werte, wie Freiheit, Gerechtigkeit, Sicherheit und Menschenwürde, beitragen konnte. So war es denn nahe liegend, dass ich mich in der Entwicklungsorganisation Helvetas engagierte, viele Jahre in der Rotkreuz-Bewegung und in der Asylorganisation Zürich (AOZ) tätig war sowie bis zum 65. Altersjahr als Milizoffizier Militärdienst leistete. Zusammen mit drei anderen ehemaligen Direktoren des BFF wirke ich noch heute im Vorstand des Vereins «Reintegration im Herkunftsland» mit.

 

Die zivilgesellschaftlichen Organisationen sind auf private Spenden angewiesen und garantieren mit geringem administrativem Aufwand einen effizienten und effektiven Mitteleinsatz. Aus meiner persönlichen Erfahrung verdienen sie Vertrauen.