Gemäss der aktuellen Langzeitstudie von World Vision und der Columbia University (NY) können Schutzzonen, die nach Katastrophenfällen und Konflikten speziell für die Bedürfnisse von Kindern errichtet wurden, Bedrohungen wie zum Beispiel Kinderarbeit und Kinderhandel vorbeugen. Neben den herrschenden Schutzrisiken wertete die Studie auch die Bewältigungsstrategien aus, mit denen Flüchtlingskinder in verschiedenen Kontexten traumatische Erlebnisse verarbeiten. «Die Child Friendly Spaces bieten Kindern inmitten der humanitären Katastrophe Schutz», betont Franz Böttcher, Programme Officer und CFS Research Coordinator bei World Vision Genf. Die Kinder finden dort einen geschützten Ort mit professioneller Betreuung, wo sie sich sicher fühlen, lernen und spielen können, um so ein Stück Alltags-Routine zurückzugewinnen. In humanitären Krisen und bewaffneten Konflikten sind Kinder und Jugendliche emotional und physisch oft am verletzlichsten. «Um langfristige negative Auswirkungen nach verheerenden Ereignissen zu verhindern, müssen die Kinder deshalb möglichst rasch umfassend betreut werden», sagt Böttcher.

Verringerte Stressbelastung

In Child Friendly Spaces können Kinder nicht nur an verschiedenen Aktivitäten teilnehmen. Sie werden auch altersgerecht über ihre Rechte auf Gesundheit und Schutz aufgeklärt. Die geschützten Räume ermöglichen es ihnen, einen geregelten Tagesablauf zu erleben und in eine gewisse Normalität zurückzukehren. «Die Langzeitstudie wies sowohl bei Kindern wie auch bei ihren Betreuern eine verringerte Stressbelastung nach, etwa bei der kriegsbedingten Trennung von Freunden und Familie», betont Franz Böttcher. Die Kinder waren dabei einem deutlich geringeren Bedrohungspotenzial ausgesetzt im Vergleich zu dem hohen Mass an verbalen, sexuellen und anderen physischen oder psychischen Übergriffen, zu denen es ausserhalb der Schutzzonen regelmässig kommt. Für die Zukunft formuliert das World-Vision- und Columbia-University-Studienprojekt Empfehlungen, um die Realisierung von Kinderschutzzonen und anderen psychosozialen Hilfsprogrammen optimal zu fördern.

Trauma durch Krieg

Ungeachtet dessen hat der Bürgerkrieg in Syrien seinen Weg unterdessen auch in die SOS-Kinderdörfer gefunden. Das Kinderdorf in Aleppo wurde zum Kampfplatz zwischen Rebellen und Regime. Die Betreuer brachten die Kinder in die Hauptstadt Damaskus, doch auch hier werden sie nachts von Bomben aus dem Bett gerissen. «Der Bürgerkrieg in Syrien droht so eine ganze Generation zu traumatisieren. 14 Millionen Kinder sind betroffen, mehr als fünf Millionen erfahren täglich Terror, Angst und Elend», sagt Juerg Hostettler, Leiter Kommunikation bei World Vision Schweiz.

Auch bei Naturkatastrophen

Nach dem schweren Erdbeben in Nepal erschwerten zerstörte Infrastrukturen und der überlastete Flughafen die Hilfsmassnahmen. Auch dort ist World Vision mit Kinderschutzzonen präsent. 8,1 Millionen Menschen waren vom schweren Erdbeben am Himalaya betroffen. Am schwierigsten ist die aktuelle Situation in Nepal für Kinder und Jugendliche, welche etwa die Hälfte der gesamten nepalesischen Bevölkerung ausmachen. UNICEF zufolge sind im Erdbebengebiet rund 2,8 Millionen Kinder dringend auf Hilfe angewiesen. World Vision errichtete deshalb bisher 22 Kinderschutzzonen in Nepal als Zufluchtsort für Kinder und Jugendliche.  Das Kinderhilfswerk fokussierte bei den Hilfsmassnahmen unter anderem auf sichere Zufluchtsstätten für die Kinder. Die erste Kinderschutzzone wurde in Kathmandu errichtet. Dort wie auch in den andern Schutzzonen erhalten die oftmals traumatisierten Kinder psychologische Betreuung sowie die Möglichkeit, in einer sicheren Umgebung zu lernen, zu spielen und sich sicher zu fühlen. Weitere Schwerpunkte bei den Hilfsmassnahmen wurden bei der Verteilung von Hilfsmitteln gesetzt, welche für provisorische Unterkünfte gebraucht werden, sowie in den Bereichen Wasser und Hygiene. Die Hilfsmassnahmen sind auf eine Dauer von mindestens einem Jahr ausgelegt.

Normalität vermitteln

Auch Kinder aus dem Gazastreifen haben schon mehrere Kriege in ihrem kurzen Leben miterlebt. Unterernährung, eingeschränkte Bewegungsfreiheit und mangelhafte medizinische Versorgung sind nur einige der Probleme, mit denen sie jeden Tag zu kämpfen haben. Die jüngsten Konflikte hatten verheerende Folgen: Tausende Kinder verloren ihre Verwandten und ihr Zuhause. Viele erlitten schwere Verletzungen, Hunderttausende sind traumatisiert. Spezialisten und Volontäre von World Vision bemühen sich täglich um die dringend benötigte psychologische Unterstützung und versuchen, diesen Kindern etwas Normalität zu vermitteln – unter teils schwierigsten Bedingungen.

Gefühle ausdrücken lernen

Doch was bedeutet «Normalität» inmitten zerbombter Häuser? Selbstverständlich müssen zuerst die elementarsten Bedürfnisse nach Lebensmitteln und Hygieneartikeln abgedeckt werden. Gleichzeitig benötigen die Kinder Ablenkung. «In Kinderschutzzonen veranstaltet World Vision Aktivitäten, mit der Absicht, die Leiden der Kinder etwas zu lindern, zum Beispiel mit Theatervorstellungen, Malunterricht und Tanzkursen», erläutert Hostettler. Zudem lernen die Kinder in speziellen Beratungen, wie sie ihre Gefühle ausdrücken und teilen können. Erfahrungsgemäss bewirken die Unterstützung und die Aktivitäten einen positiven Effekt im Leben der Kinder. Die kurzen Momente, in denen in den Kinderschutzzonen gelacht und gespielt werden kann, erinnern sie an eine Zeit vor dem Krieg.

Krieg als einziger Lebensinhalt

Bürgerkriege wie in Syrien haben nach Angaben von UNICEF Millionen von Kindern ins Elend gestürzt. «Für die Kleinsten unter ihnen ist Krieg das Einzige, was sie in ihrem Leben kennen», sagt Juerg Hostettler. Deshalb müsse man sich nachhaltig für ihren Schutz einsetzen. Dies tut das Kinderhilfswerk World Vision Schweiz seit mehr als 30 Jahren in der nachhaltigen Entwicklungszusammenarbeit, in der Not- und Katastrophenhilfe und auch als Botschafterin für Kinderrechte.