Herr Niggli, was bedeutet für Sie persönlich Solidarität?

Ich bin zufällig im reichsten Land der Welt geboren worden. Dass es mir bestens geht, ist nur zu einem winzigen Teil mein eigenes Verdienst. Ich erachte es deshalb als meine Pflicht, mit den Menschen solidarisch zu sein, die ebenso zufällig in viel weniger begünstigten Ländern leben.

Hand aufs Herz, wie spendenfreudig sind die Leute in der Schweiz und wie umfangreich ist unsere staatliche Entwicklungshilfe?

Im Vergleich mit anderen Ländern sind sie sehr spendenfreudig. 2010 kamen über 400 Millionen Franken für die Entwicklungsprogramme privater Hilfswerke zusammen. Das entspricht einem Fünftel der staatlichen Entwicklungshilfe, die 2010 knapp 2 Milliarden Franken betrug. Das staatliche Hilfsbudget ist weder grosszügig, noch besonders geizig. Staaten wie Schweden, Norwegen oder Luxemburg geben, gemessen an der Wirtschaftsleistung, das Doppelte der Schweiz, andere wie die USA die Hälfte. Letztes Jahr hat das Parlament beschlossen, den Versprechen auf mehr Hilfe nachzukommen, welche die Schweiz international seit Jahren abgegeben hat. Es beschloss, die Entwicklungshilfe bis 2015 auf 0,5 Prozent des Bruttonationaleinkommens zu erhöhen.

Mit wem zeigen wir uns beim Spenden besonders solidarisch? Mit anderen Worten – in welche Projekte fliessen die meisten Spendengelder?

Grosse Naturkatastrophen wie der Tsunami lösen die grösste Betroffenheit und Spendenbereitschaft aus. Programme, die Kindern zugutekommen, wirken ebenfalls für viele attraktiv. Tatsächlich geht es Kindern aber nur besser, wenn es ihren Familien und ihrer Lebensumgebung besser geht. Glücklicherweise gibt es in der Schweiz eine breite Schicht von Spenderinnen und Spendern, die sich dessen bewusst ist und deshalb Entwicklungsprogramme unterstützt, die ganzen Gemeinschaften helfen.

Haben die Krise und Sparmassnahmen der letzten Jahre zu einem Spenden­rückgang geführt?

Seit 2008 wachsen die Spenden für Entwicklungswerke nicht mehr; im für die Schweiz spürbarsten Krisenjahr 2009 sind sie sogar leicht zurückgegangen. Zu einem guten Teil ist dies allerdings auf die Vergabestiftungen zurückzuführen – die Stiftungsvermögen werfen nicht mehr die gleichen Renditen ab.

Ist es realistisch, dass es der gesamten Weltbevölkerung «gut» gehen kann? Oder ist des einen Wohlstand nur durch des anderen Armut möglich?

Es würde allen nützen, wenn es der Hälfte der Weltbevölkerung, die heute nur 6,6 Prozent des Welteinkommens erzielt, besser ginge. Die Weltwirtschaft ist ja kein Nullsummenspiel. Hingegen gibt es ökologische Grenzen. Hält der derzeitige Bevölkerungs- und Konsumtrend an, werden wir 2030 das Naturkapital unseres Planeten doppelt so schnell verbrauchen, wie es sich regenerieren kann. Deshalb sind tiefgreifende Änderungen nötig – den Armen muss es besser gehen, die reiche Minderheit muss einen Ausweg aus einem Wirtschaftssystem finden, das auf fossilen Energien und systematischem Ressourcenverschleiss beruht.